Eine Bilanz nach untrügerischen Fakten von der Hallen-EM in Polen

(Torun/Krefeld, 10. März 2021) Greifen wir noch einmal unseren Kommentar von Montag zum Abschneiden der 50 vom DLV ursprünglich nominierten und letztlich 48 gestarteten Athleten (23 Männer, 25 Frauen; 400-m-Läufer Constantin Preis und Langstreckler Mohamed Mohumed fehlten aus uns nicht bekannten Gründen) bei den Hallen-Europameisterschaften im polnischen Torun auf. Lassen wir also untrügerische und unbestechliche Fakten sprechen. Dabei arbeiten wir das Vorzeigbare im angehängten Ergebnisblock von Disziplin zu Disziplin in der bewährten Reihenfolge von Lauf, Sprung und Stoß aus, um es nicht bereits im Textteil einem Börsenbericht gleich mit der bloßen Aneinanderreihung von Zahlen entarten zu lassen. Vorab noch einmal die bereits vorgestern erwähnte, ganz pauschal und oberflächlich betrachtet positive Gesamtbilanz von zwei Silber-, vier Bronzemedaillen und elf weiteren Endkampf-Platzierungen in den per Saldo beschickten elf Wettbewerben bei den Männern und neun der Frauen.

Jeweils ein Plus der Frauen an der Gesamtausbeute

Wenngleich es selbstverständlich kein interne Auseinandersetzung der Geschlechter dieses deutschen Leichtathletik-Teams mit der Mannschafts- und Wortführerin Christina Schwanitz war, gab es mit 4:2 Medaillen-Ausbeute bei einem Kräfteverhältnis von 9:8 in den 14 erreichten Finals bei je zwei Teilnehmern/innen mit Endergebnis im Hochsprung der Männer,1.500 Meter und Kugelstoßen der Frauen jeweils ein Plus für die weibliche Fraktion. Allerdings war über 4x400m der Frauen die Teilnahme mit nur sechs eingeladenen Staffeln quasi geschenkt und mithin auch der letzte Platz nach armseliger Darbietung. Deutlich besser jedoch die Bilanz nach Saison- oder persönlichen Bestleistungen zum Jahres-Höhepunkt unterm Hallendach mit 7:3 für die „Mädels“ (je zweimal vertreten Burkhard und Eckhardt-Noack). Oder im Umkehrschluss negativ formuliert: Insgesamt 40 Aktive blieben mit bisweilen desaströsen Vorstellungen teilweise erheblich hinter ihrem eigenen Leistungsvermögen aus 2021 zurück. Und daran muss sich immer noch jede/r messen lassen dürfen.

Drei Totalausfälle

Gar Totalausfälle waren Sprinterin Yasmin Kwadwo (LC Paderborn) mit einem Fehlstart im 60-m-Vorlauf, Siebenkämpfer Kai Kazmirek (LG Rhein-Neuwied) mit der Aufgabe nach zwei Disziplinen und Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre (TSV Bayer 04 Leverkusen) mit dem berüchtigten „Salto nullo“ im Finale über die Anfangshöhe von 5,50m, die er in der Qualifikation (5,60m) noch übersprungen hatte. Weit hinter seinen anno 2021 größer gewordenen Möglichkeiten blieb dessen Klubkamerad Torben Blech (SB/PB 5,86m) zurück, der mit 5,60m als Neunter vorzeitig ausschied.  Im weiteren Verlauf im genauen Überblick die Medaillengewinner und Platzierten mit ihren Leistungen.
 
Männer

60m: 2. Kevin Kranz (Sprintteam Wetzlar) 6,60 sec. Saisonbestzeit 6,52; 3.000m: 10. Marcel Fehr (LG Filstal) 7:54,48 min., Vorlauf 7:48,06 PB; Weitsprung: 5. Maximilian Entholzner (LAC Passau) 7,87m, Qualifikation 7,91m, SB 7,97m; Hochsprung: 4. Tobias Potye (LG Staddtwerke München) 2,26m PB eingestellt; 7 . Mateusz Przybylko (TSV Bayer 04 Leverskusen) 2,19m, SB 2,28m; Stabhoch: 4. Oleg Zernikel (ASV Landau) 5,70m, SB 5,72m; Dreisprung: 3. Max Heß (LAC Erdgas Chemnitz) 17,01m SB, bisher 17,00m; Siebenkampf: 6. Andreas Bechmann (Eintracht Frankfurt) 5.995 Punkte, SB 5.995.

Frauen

60m: 7. Jennifer Montag (TSV Bayer 04 Leverkusen 7,29 sec., Vorlauf 7,25, SB 7,19; 1.500m: 3. Hanna Klein 4:20,07 min., Vorlauf 4:09,35, SB 4:06.86; 8. Gesa-Felicitas Krause (Silvesterlauf Trier) 4:24,26, VL 4:09,92 SB, zuvor 4:11,68; 3.000m: 7. Elena Burkhard 8:51,09 PB, Vorlauf 8:56,56 SB, zuvor 8:59,02; 4x400m: 6. Deutschland (Schwab, Müller, Brenda, Spelmeyer-Preuß) 3:31,47 min.; Weitsprung: 2. Malaika Mihambo (LG Kurpfalz), 6,88m SB, vorher 6,77m; Dreisprung: 3. Nele Eckhardt-Noack (LG Göttingen) 14,52m PB, Qualifikation 14,12m SB, zuvor 13,94m; Kugelstoßen: 3. Christina Schwanitz (LV 90 Erzgebirge) 19,04m, SB 19,11m; 6. Sara Gambetta 18,34m, Qualifikation 18,43m PB, 18,12m SB.

Redaktioneller Hinweis auf einen weiteren Beitrag zum Thema im Fenster Flurfunk.

Online-Bestenliste: Endlich kam DLV seiner Pflicht und Schuldigkeit nach

(Darmstadt/Krefeld, 09. März 2021) Kleine Rückblende, da es das aktuelle, wichtigere Tagesgeschäft verhindert hat, darauf früher einzugehen. Der jahrelange Kampf von LAMPIS in Gestalt eines neuzeitlichen Don Quichote gegen die Windmühlenflügel des trägen Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) wurde endlich von Erfolg gekrönt. Der DLV berichtet in einer offensichtlich äußerst schweren Geburt mit gleich drei Schreiberlingen der Kürzel dd/am/nw in der Senioren-Spielecke der Verbandsnetzseite unter der Überschrift „Die digitale DLV-Bestenliste 2020 – jetzt neu mit allen Altersklassen“.
Keineswegs ein Grund, nun lauthals Halleluja und Hosianna auszurufen: 1.) Damit kam der Verband nach jahrelanger Verweigerungs- und Hinhaltetaktik lediglich seiner verdammten Pflicht und Schuldigkeit gemäß § 2.7 DLO sowie einer Gleichbehandlung (§ 3 GG) mit allen anderen Klassen nach, hat 2.) etwas von Arg- und Hinterlist, damit lediglich drei Wochen nach Veröffentlichung des Statistik-Jahrbuches gegen 17,50 Euro des von ihm sanktionierten kommerziellen Anbieters herauszukommen, der sich zudem DLV-Seniorenstatistiker nennen durfte.

Ein Schuft, der Böses dabei denkt

Dazu heißt es dann im Text der Rechtfertigungsarie zur besonderen Deutlichmachung in Gedankenstrichen „Bitte unterstützen Sie unsere Senioren-Statistiker bei ihrer nationalen – wohlgemerkt ehrenamtlichen – Aufgabe“. Welch ein Hohn! Das stimmt/e nur auf den unteren Ebenen hinauf bis zu den 20 Landes-/Regionalverbänden, endete an der Türe der DLV-Geschäftsstelle in Darmstadt. Und es wäre mit einem bisschen guten Willen garantiert auch vor der kürzlichen Herausgabe der zu allem Überdruss zu knapp bemessenen antiquierten Buchform (wir berichteten) möglich gewesen. Schilda lässt schön grüßen! Aber allem Anschein sollte der „Kommerzialisierungsrat“ noch ein Abschiedsgeschenk für seine jahrelange „aufopferungsvolle“ bezahlte Tätigkeit eines Ehrenamtsinhabers erhalten.
Helle und einhellige Begeisterung löste das neue „Gesamtkunstwerk“ nach bei uns eingehenden, mit Glückwünschen an unsere Adresse verbundenen Rückmeldungen nicht aus. Beklagt wird das Selektionsverfahren anstelle einer durchgängigen Form aufsteigend nach Altersklassen und Disziplinen wie bei einer Online-Ergebnisliste (freilich nicht der vom SELTEC-Durcheinander). Außerdem fehlt gegenüber der bisherigen analogen Version und anders als bei den Landesverbänden die M/W30.  

Achtung, Männer: Heute wird der 110 Jahre alte "Weltfrauentag" begangen

(Krefeld und die Welt, 08. März 2021) Kein Datum und Wochenanfang wie jedes/r andere. Denn heute wird seit nunmehr 110 Jahren (ab 1975 von den Vereinten Nationen/UN auf den 08.März festgeschrieben) der „Weltfrauentag" begangen. Einstmals ausgelegt im Kampf um die Gleichberechtigung, das Stimm- und Wahlrecht (übrigens in der liberalen, unabhängigen Schweiz erst 1971 eingeführt) sowie die Emanzipation zur Selbständigkeit und Chancengleichheit. Ausgerechnet die „Kampfhenne“ und Superemanze Alice Schwarzer (*03.12.1942), Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift mit dem beziehungsreichen Namen „Emma“, plädiert dafür, diese Ehrentag für ihr Geschlecht abzuschaffen. Er sei „gönnerhaft und zudem eine sozialistische Erfindung“. Na, da schau an: Alice im Wunderland, die mit einem Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung belastet ist.

Superemanze und Steuersünderin Alice Schwarzer plädiert für die Abschaffung

Und schwuppdiwupp sind wir beim Gender-Wahnsinn, bei dem ja alle begrifflich-sprachlichen Bezeichnungen bis zum Exzess verweiblicht werden sollen (Linguisten sind ultimativ dagegen!). Ein bisschen Steuern bei der Einkommensteuer-Erklärung zu sparen (war bei Schwarzer indes ein bisschen mehr; allein die Strafe war sechsstellig) ist ja eine Art Volkssport. Dies wird dann gerne als Kavaliersdelikt abgetan. Das Wort ist jedoch sowas von eindeutig männlich, dass sich eine Vergenderisierung (das habe ich gerade erfunden, steht noch nicht im Duden) mit Kavalierinnendelikt strikt verbietet. Wie nennen wir es also bei der im Sternzeichen Schütze geborenen Feministin Schwarzer? Hat jemand Rat?

Brüder im Geiste und der Gattung des homo sapiens: Feiert eure Mädels!

Doch kurz zurück zum Internationalen Frauentag. Grundsätzlich sollte man(n) stets zuvorkommend, galant und höflich zum gemeinhin schöneren Geschlecht, den Töchtern Evas sein. Womit wir bei der vermeintlichen Entstehungsgeschichte wären. Ohne Frauen gäbe es die Menschheit nicht. Denn zu gebären ist deren Privileg und wird es nach derzeitiger Voraussicht auch bleiben. Nicht nur deshalb, schließlich will und kann sich nicht jeder
Adam" beliebig vermehren, gibt es viele gute Gründe für einen der holden Weiblichkeit gewidmeten besonderen Tag. Im Zuge der bisweilen nötigen Gleichberechtigung der Krone der Schöpfung wird (erst) seit 2000 jeweils am 03.November der Weltmännertag „gefeiert“. Der dient jedoch ziemlich banal der Stärkung des Bewusstseins zur Gesundheit.
Sei’s drum: Brüder im Geiste und der Gattung des homo sapiens, feiert eure Mädels, lasst Blumen oder sonst was sprechen. Bei romantischem Kerzenschein, die „German Lighthouse Association" alias DLV in Darmstadt würde es zum Candle Light Dinner hochstilisieren, irgendwo lecker essen gehen, schließt sich momentan leider aus.

DLV hat geradezu schier unrealisierbare Hausaufgaben vor sich

Kommentar

Nebenbei bemerkt

(Torun/Krefeld, 08. März 2021)
Stammbesuchern unserer Internett-Plattform ist hinlänglich bekannt, dass wir die Huldigung von Medaillenspiegeln bei internationalen Meisterschaften für ausgemachten Humbug halten und uns daran nicht beteiligen. Obschon beides Obst, ist das fürs Phrasenschwein nämlich der sich in aller Regel verbietende Vergleich von Äpfeln und Birnen, die sich allenfalls zum Kompott oder Fruchtsaft eignen. Soll heißen: Alle Nationen von sehr unterschiedlichen Größen und Teilnehmerzahlen in einen Topf zu werfen, ist unangemessen und hinterlässt objektiv gesehen zwangsläufig ein Zerrbild. Ausgemachter Unsinn ist zudem, dass bei einer Nation mit lediglich einer Goldmedaille die Platzierung schwerer wiegt als bei einem anderen Land fünf Silberne und sieben in Bronze. Das sei indes lediglich als Randbemerkung dahingestellt.

Germany im Medaillenspiegel auf Rang 16

Aber: Da der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sich bei den Senioren/innen, die er ansonsten wie „Rotz am Ärmel“ behandelt, gerne mit dem sinnfreien Erbsenzählen der großen Ausbeute von Edelmetall in aller vielfältigen Couleur „seiner“ 632 Teilnehmer/innen brüstet, halten wir ihm aus purer Gemeinheit und zur Besinnung auf die knallharte, unbestechliche Realität den Medaillenspiegel der gestern zu Ende gegangenen Hallen-Europameisterschaften der Männer/Frauen im polnischen Torun vor.
Obwohl der federführende und nominierende DLV mit 48 Aktiven eine der quantitativ größten Teams an den Start brachte, belegte Germany (hier ist die internationale Bezeichnung geboten) in der Gesamtwertung den 16. Rang. In Worten: Sechzehn. Hinter einem „Zwergenstaat“ wie die Schweiz (Siebte), doch derweil immerhin denkbar knapp vor einem „Giganten“ wie Aserbaidschan (18.).

Frauenstaffel rannte den Niederlanden gnadenlos hinterdrein

Und unsere westlichen Nachbarn aus den Niederlanden (Erste) und Belgien (Vierte) steckten unsere Vertreter/innen derartig in den Sack. Das teilweise auch im direkten Aufeinandertreffen bei Männlein und Weiblein. Die deutsche 4x400m-Staffel der Frauen lief im abschließenden Wettbewerb der viertägigen Titelkämpfe den erfolgreichen „Meisjes“ aus dem vergleichsweise kleinen Königreich (17,28 zu 83,02 Millionen Einwohner) als Letztplatzierte um geschlagene vier Sekunden oder rund 30 Meter hinterdrein. Das sind gewissermaßen Lichtjahre in der Leichtathletik. Beschämend!

Schönfärbende „Statements“ in Rosa und Prosa

Das gilt auch für die handelsüblichen staatstragenden Stellungnahmen, sie nennen es Statements, der verantwortlichen Personen im Dachverband. Selbstverständlich ist es legitim, dass sie sich schützend vor ihre Athleten/innen stellen und die nicht öffentlicher Kritik aussetzen. Schon aus lauter Eigennutz, da sie von ihnen schlussendlich allzu großzügig nominiert worden sind. Aber mitunter wäre es besser den Mund zu halten, als alles und jedes in schönfärbendes Rosa und Prosa zu tauchen. Gell, Frau Cheftrainerin Annett Stein (Achtung, Denglisch-Masch-Masch: „Die Mannschaft hat gut performt“) und Herr Sport-Generaldirektor Cheik-Idriss Gonschinska („International wertvolle Wettkampf-Kompetenz gesammelt“). So sieht er also aus, der Mantel der Barmherzigkeit, kann bei realistischer Bilanzierung allerdings auch als „Blinde Kuh spielen“ bezeichnet werden.
Jetzt fehlt nur noch der Sermon vom präsidialen Fettnäpfchentreter Jürgen Kessing, der es damals bei der heißen Freiluft-WM 2019 in Doha (Katar) in klimatisierten VIP-Räumen gar nicht so warm fand. Kunststück!  

Hofberichterstattung aus dem Bereich von Märchen und Sagen

Ja, es gab außer den sechs Medaillen mit noch elf weiteren Endkampf-Platzierungen einige Lichtblicke. Allerdings auch unübersehbare krachende sowie leise Enttäuschungen zu vieler EM-Touristen im Nationaltrikot und so gut, richtiger: schlecht, wie keine positiven Überraschungen mit über sich hinauswachsenden Talenten oder Arrivierten.

Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Nach diesem Motto verfuhren in Anlehnung an ihre Chefs auch die Literaten der Dachorganisation bei ihrer Hofberichterstattung. Bei dem Beitrag über  die „versilberte“ amtierende Weitsprung-Weltmeisterin Malaiko Mihambo aus dem Bereich von Märchen und Sagen ihrer angeblich deutlich verbesserten Anlaufprobleme fiel mir im krassen Gegensatz zu meiner veröffentlichten Wahrnehmung beim pflichtgemäßen Lesen sinnbildlich der Kitt aus der Brille. Wenigstens Mihambo führte im unmittelbar anhängenden eigenen Fazit ihres Tuns diesen ausgewiesenen Nonsens ad absurdum. Und das ist gut so!  

Nicht mehr vorhandene Stellenwert einstmals ruhmreicher deutscher Leichtathletik
 
Abschließend zum nicht mehr vorhandenen Stellenwert der einstmals ruhmreichen deutschen Leichtathletik: Die angesehene und vielzitierte Rheinische Post, die früher auf diesem Sektor immer mit eigenen Redakteuren groß einstieg, berichtet heute mit einem von DPA übernommenen Beitrag auf der vierten und letzte Sportseite weiter unten in einem dürren Zweispalter ohne Foto mit der Überschrift „Mihambo fehlten vier Zentimeter zu EM-Gold“.
Dann machen sie mal mit Blick auf den Sommer fleißig und unermüdlich die versprochenen Hausaufgaben, Frau Stein, die nun denselben der Weisen suchen muss! Da wird allerdings ein mittelprächtiges Wunder vonnöten sein, den zu finden. Das ist eine wahre Herkules-Aufgabe. Schön, wenn sie für alle verbliebenen unverbesserlichen optimistischen Patrioten gelingen würde. Freilich höchst unwahrscheinlich bis unmöglich.

Weitsprung-Silber von Malaika Mihambo fehlten Glanz und Glamour

Kolumne

Das Wort am Sonntag


(Torun/Krefeld, 07. März 2021)
Es geht schon wieder los, das darf doch wohl nicht wahr sein. Malaika Mihambo von der LG Kurpfalz machte gestern Abend bei der Entscheidung im Weitsprung bei den Hallen-Europameisterschaften im polnischen Torun genau da weiter, wo sie in der Zitterpartie der Qualifikation aufgehört hatte: Als in einer neuen Art von Brettspiel war der 27-jährige „Engel“ (das oder Guter Geist ist die Bedeutung ihres Vornamens) hauptsächlich damit beschäftigt, den Balken vernünftig zu treffen, dessen Katapultwirkung zu nutzen und möglichst wenig letztlich gemessener Flugweite zu verschenken. Wie sie jedoch mit einer derartigen Zielsicherheit und Konstanz bei den Labor-Bedingungen einer Halle ohne Wind von vorne, hinten oder der Seite daran – ja, kläglich – scheiterte, ließ Fachleute und Laien gleichermaßen bass erstaunt mit großem Unverständnis zurück. Und Bundestrainer Uli Knapp verstand es ebenfalls nicht, entscheidend Einfluss zu nehmen und die erforderlichen Korrekturen an die Frau zu bringen.

Beide Male Silber, jedoch anders interpretiert
 
Der Videotext vom ZDF titelte einerseits: Weitsprung: Mihambo verpasst Titel, andererseits: Kranz sprintet auf Rang zwei. Das bringt es auf den Punkt: Jeweils dieselbe Medaille, aber eine völlig andere Interpretation. Silber kann durchaus eine Enttäuschung sein. Dies war eine. Gerade bei einer vermeintlich haushohen Favoritin, die sich das edelste aller Edelmetalle anscheinend nur noch abzuholen brauchte.
Gesprungen werden musste freilich vorher auch noch und das weiter als die sieben übrigen Finalistinnen. Dabei soll keineswegs übersehen werden, dass Mihambo im dritten Versuch mit 6,88m Weltjahresbestleistung (WJB) sprang und ihre bis dahin gelisteten 6,77m um elf Zentimeter übertraf. Was gibt es da noch zu jammern, werden sich jetzt Krethi und Plethi fragen?
Einiges, antwortet der Autor mit eigener 52-jähriger Wettkampf-Erfahrung nicht nur als Kugelstoßer (zuvor Fußball, Eishockey und Tennis) und dazu die Leichtathletik mittlerweile 55 Jahre als Sportjournalist begleitend! Die Analyse ist folglich nicht aus dem luftleerem Raum der Redaktionsstube eines bloßen Schreibtischtäters gegriffen.

Ein wenig Zahlenkosmetik oder -arithmetik

Betreiben wir also zur Beweiserhebung ein wenig Zahlenkosmetik oder -arithmetik. Vorausgeschickt, dass es graue Theorie ist, den Balken stets exakt bis an den unheilvollen Plastilinstreifen zu treffen. Aber große Annäherungswerte sollten professionellen Weltklasseathletinnen der Branche möglich sein. Das sind sie auch. Der Nachweis wurde vor Ort in Polska mehrfach erbracht. Die drittplatzierte Khaddi Sagnia aus Schweden schaffte es bis auf 1,5 Zentimeter, Maryna Bekh-Romanchuk (Ukraine) bei ihrem Siegessprung und der neuen WJB von 6,92m bis auf 2,3 Zentimeter. So schaut’s aus!
Und bei der jungen Frau mit dem verpflichtenden Kürzel MM, einer feinen deutschen Sektmarke mit dem Werbeslogan
„Manchmal muss es eben Mumm sein"? Den ließ sie in den sechs gültigen Sprüngen (diesmal ein schlechtes Zeichen, hatte keine sonst) vermissen und insgesamt 152,7 Zentimeter oder aufgerundet 1,53 Meter liegen. Würde bei ihr wie in der Kinder-Leichtathletik innerhalb eines Toleranzraumes die wirklich gesprungene Weite gemessen, sie flöge der Konkurrenz auf Nimmerwiedersehen davon. Die gesamte Flugweite der zweifachen Deutschen Sportlerin des Jahres betrug 41,60 Meter, mithin im Querschnitt 6,933m. Famos, geradezu grandios. Doch leider ein Muster ohne Wert. Noch mal aufgeschlüsselt in der Reihenfolge der Versuche: 6,60m (minus 25,7 cm), 6,56m (27,8), 6,88m (10,1), 6,56m (36,6), 6,69m (24,5), 6,78m (28,0). Fünfmal sprang sie vor dem Brett auf dem Kunststoffbelag ab. Haarsträubend, unbegreiflich!

Wie beim Biathlon ist eine möglichst perfekte Symbiose gefragt

Wagen wir den nicht einmal besonders kühnen Vergleich mit dem Biathlon: Das ist es die Kombination aus gut Ski-langlaufen und zwischendurch unter hoher Pulsfrequenz die 50 Meter entfernten, verdammt kleinen Scheiben zu treffen. Nur die perfekte Mischung macht’s. Falls sich die Gelegenheit in den sozialen Medien bietet, mal Biathletin und „Ballerina“ Denise Herrmann fragen (nachträglicher Einschub: Ausgerechnet heute strafte sie mich als Zweite im Verfolgungsrennen beim Weltcup in Nove Mesto lügen). Genau das bekommt Mihambo, sicherlich trotz Nachjustierens während des Wettbewerbes, eben viel zu oft in der Symbiose von Anlauf und Absprung in Abstimmung mit ihrem Trainer in unschöner Regelmäigkeit ebenfalls nicht hin. Die Ansagen bleiben dem Betrachter, der sich (wie ich) gestern den direkt angewählten Weitsprung-„Livestream“ vom Anfang bis zum bitteren Ende unter Puls- und Blutdruckalarm angeschaut hat, freilich leider verborgen.

Körpersprache ist wenig verheißungsvoll

Und da wäre noch die von (Hobby-)Psychologen vielzitierte Körpersprache. Für Außenstehende wirkt die dunkelhäutige Perle der Zunft tiefenentspannt, als drohe sie jeden Moment selig und süß einzuschlummern. Es könnte auch phlegmatisch oder lethargisch genannt werden. Der größte sichtbare Gefühlsausbrauch war die Aufforderung an die wenigen Schaulustigen zum rhythmischen Klatschen. Temperament, Feuer, Biss und „Killerinstinkt“ ist indes schwer erlernbar. Frau hat es oder halt nicht. Die Siegerin hat. Diese kapriziöse, extrovertierte 25-jährige Ukrainerin machte sich vor ihrem letzten Versuch (bis dahin 6,86m) regelreicht heiß, schrie sich selber an, um anschließend nach 6,92m zu landen. Da wusste sie sofort, dass ihr ein Riesensprung gelungen war. Allerdings noch nicht, ob es auch zum Triumph reichen würde.

Absolute Mut zum Risiko fehlte durchgängig

Denn ihre größte Widersacherin aus Deutschland hatte noch ihren finalen Sprung. Da konnte die Devise eigentlich nur Top oder Flop, Sekt oder Selters lauten. Das brave „Engelchen“ beließ es beim zuvor Zelebrierten. Sie flog zwar 7,06m weit, aber gemessen wurden „nur“ 6,78m. Aufbäumen „mit dem Messer zwischen den Zähnen“ hätte deutlich anders ausgesehen. Das sah eher nach wie von allen guten Geistern verlassen aus. Müßig zu erwähnen und keine offene Frage, dass sie es sich auch anders vorgestellt hat. Aber es bleibt der Bei- und Nachgeschmack, dass Mihambo den Titel irgendwie „abgeschenkt“ hat. Faktisch sowieso. Schade, jammerschade. Erinnern wir uns an die Videotext-Überschrift. Derweil gibt es mit diesem Link den Endstand. Es darf gemutmaßt werden, dass Heike Drechsler (damals noch DDR) als immer noch amtierende Hallen-Europarekordlerin (7,37m) und Meisterschaftsrekord-Inhaberin (7,30m) ziemlich konsterniert zugeschaut und ihren Augen nicht getraut hat.
In diesem Sinne, liebe Leser mit Herzblut und Leidenschaft für die mitunter schwere Leichtathletik: Schön tapfer bleiben, auch in Sachen Corona, Mund abwischen. unverdrossen weitermachen und einen schönen Sonntag, bei was auch immer sowie eine entspannte 10.Kalenderwoche im Jahr zwei der Pestilenz!