Offener Brief an die Herren Kessing und Hamm vom DLV

(Langenzenn, 26. Juli 2018) Sehr geehrter Herr Kessing, sehr geehrter Herr Hamm,
als Vorsitzender der DLV-Wettkampforganisation trägt Herr Hamm persönlich die Verantwortung für eine ordnungsgemäße Durchführung der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften 2018 in Nürnberg. Das gilt insbesondere auch für die Sicherheit der Athleten, der Kampfrichter, der akkreditierten Fotografen und der Zuschauer.
Beim Diskuswettbewerb der Männer am Samstag saß ich mit dem mehrfachen Deutschen Meister und Olympiateilnehmer im Diskuswurf, Alwin Wagner, und rein zufällig neben der Mutter von Robert und Christoph Harting, auf der Tribüne der Gegengerade. Während des Wettkampfes befanden sich circa zehn Fotografen in etwa Höhe der 60-Meter-Marke direkt an der vom Wurfring aus gesehen linken Sektorenbegrenzung. Ein etwas verunglückter Diskuswurf von Martin Wierig brachte dessen Diskus etwa einen Meter außerhalb der Sektorenlinie zum Einschlag.
Ein Fotograf konnte nur durch einen waghalsigen Sprung mit anschließendem Sturz gerade noch dem Wurfgerät, das in Kopfhöhe auf ihn zukam, ausweichen. Alwin Wagner war entsetzt. Sein Kommentar: „Dieser Diskus hätte den Fotografen auf der Stelle köpfen können.“
Warum dürfen Fotografen sich nur wenige Zentimeter neben der Sektorenlinie und sogar innerhalb des Sektors aufhalten? Das ist bei einem Diskuswurf-Wettbewerb bei 120 bis130 Kilo schweren Athleten mit einer 2-Kilo-Scheibe eine absolute Todeszone. Unter nachfolgendem Link können Sie sich die Berichterstattung der ARD gerne nochmal ansehen. Im Screenshot dieser Szene sieht man eindeutig, wie nahe der Fotograf an seinem Tod war. Im Fernsehen wurde diese Szene sogar wiederholt und der Kommentator sprach ebenfalls davon. dass der Mann hätte tot sein können.
 

https://www.ardmediathek.de/tv/Sportschau/Leichtathletik-DM-die-komplette-%C3%9Cbertr/Das-Erste/Video?bcastId=53524&documentId=54378216

Selbst nach diesem fast tödlichen Zwischenfall durften sich alle Fotografen weiterhin in diesem Bereich aufhalten. Auch beim Hammerwurf der Frauen flog ein Hammer zwischen zwei Fotografen hindurch, die sich an der Sektorenlinie aufhielten. Da reicht es auch nicht aus die Fotografen im Innenraum vorher eine Erklärung unterschreiben zu lassen, dass sie für ihre Sicherheit selbst verantwortlich sind.
Als verantwortlichem Leiter dieser Meisterschaften sollten Ihnen zumindest die Internationalen Wettkampf- Regeln (IWR) bekannt sein. Da das offensichtlich nicht der Fall ist, informieren Sie sich einmal bei den IWR auf Seite 213. Alle eingesetzten Funktionsträger sind verpflichtet, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.

Stoß-/Wurfwettbewerbe

Die Wettkampfanlagen für die Stoß- und Wurfwettbewerbe sind so anzulegen, dass eine Gefährdung für Zuschauer, Kampfrichter und Athleten nicht gegeben ist. Die Schutzgitter für Diskus- und Hammerwurf sind auf die einschlägigen  Bestimmungen sowie auf ihren Sicherheitsstand hin nach dem Aufstellen zu überprüfen. Insbesondere bei Diskuswurf-Wettbewerben ist zum Schutz der Athleten und Kampfrichter ein Fangnetz (circa 50cm hoch) in einem Abstand von etwa drei bis vier Metern entlang der Sektorlinien und in einer Höhe der in Frage kommenden Aufschlagbereiche anzubringen.
Kein Fotograf wäre über dieses Fangnetz hinweg gestiegen und somit mindestens vier Meter weiter außen gestanden. Wenn Sie diese Vorschriften der IWR befolgt hätten, wäre es nie zu diesem fast tödlichen Zwischenfall eines Fotografen mit einem 2- Kilo-Diskus gekommen.
Die Berichterstattung im Fernsehen und die Schlagzeilen in der Presse haben dem DLV auch bei diesem Beinaheunfall bereits schwer geschadet. Die rechtlichen Konsequenzen, wenn ein Fotograf wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen seitens des DLV beim Diskuswurf ums Leben gekommen wäre, möchte ich erst gar nicht bewerten.

Noch ein Auszug aus der DLV-Satzung

§ 18, Haftung

Funktionsträger des DLV haften im Innenverhältnis nur für  Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit, soweit sie ehrenamtlich tätig sind. 
Was da am Samstag in Nürnberg passiert ist, war grobe Fahrlässigkeit, die einen Menschen um ein Haar das Leben gekostet hätte.
Da Sie, Herr Hamm, ja vom Verbandsrat in ihr sogenanntes Ehrenamt gewählt worden sind, sollten Sie aus eigenem Antrieb die dringend erforderlichen Konsequenzen ziehen und mit sofortiger Wirkung von Ihrem Amt zurücktreten, bevor durch Ihre Inkompetenz noch Menschen ums Leben kommen. Dass Sie obendrein in Ihrer Wettkampforganisation nicht in der Lage sind massenhaft Ausschreibungen und Ranglisten richtig zu veröffentlichen, spielt in dieser Betrachtung nur eine untergeordnete Rolle.

Ich bitte um eine schriftliche Rückantwort, welche Konsequenzen die DLV-Führung aus diesen unglaublichen Vorgängen zu ziehen gedenkt. „Ein weiter so“ kann und darf es nicht geben! Hier geht es nicht um Ausschreibungen, sondern um Menschenleben.
Der größte Affront bei den Meisterschaften in Nürnberg war die Verleihung des Hanns-Braun-Gedächtnis-Preises an Herrn Frank O. Hamm. Einen DLV-Funktionär, der aufgrund seiner mangelnden Kenntnisse von Wettkampf- und Sicherheitsregeln den Verband an den Rand einer Katastrophe gebracht hat, einen Tag später wegen seiner profunden Kenntnisse in der Leichtathletik mit solch einer Auszeichnung zu bedenken, ist nicht nachvollziehbar und eine Beleidigung für alle bisherigen Preisträger.
 

Mit freundlichen Grüßen                                                          Langenzenn, 26. Juli 2018

Dieter Krumm

Norbert Pixken sei Dank: Ein toller Tipp für Training und Tourismus

(Latsch/Krefeld, 25. Juli 2018) Nennen wir zunächst den Entdecker. Nicht die Finnen waren es, auch nicht die Schweizer. Es war die inzwischen in Thailand lebende Trainer-Legende Norbert Pixken (*1938) aus Krefeld-Uerdingen, der sportliche Ziehvater von Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, der Latsch im herrlichen Vinschgau in Südtirol (Nord-Italien) schon in den 1970er Jahren für Trainingsaufenthalte hoffähig gemacht hat. Als langjähriges Mitglied des FC/SC Bayer 05 Uerdingen war ich oft selber Nutznießer, längst habe ich sogar angeheiratete verwandtschaftliche Kontakte dorthin.
Wann immer ich gefragt werde wo sich automobil einigermaßen vertretbar zu erreichen Training (T) und Tourismus (T) mit einander elegant verquicken lassen, nenne ich die beschauliche Marktgemeinde an der Etsch in der Nähe von Meran.
Das gipfelte schließlich darin, dass wir mit acht Senioren-Werfern unter fachmännischer Anleitung vom einstigen Weltklasse-Diskuswerfer Alwin J.Wagner im April 2015 einen unvergesslichen siebentägigen TT-Aufenthalt hatten. Logiert haben wir da, wo auch die Asse aus Deutschland speisen und nächtigen: Im Hotel Tanja Sonnenhof, das bezeichnenderweise in der Kugelgasse von „Latsch Vegas“ liegt.
Um freilich keinen falschen Eindruck als hemmungsloser Werbebotschafter zu erwecken, sei der guten Ordnung halber erwähnt, dass es rundum noch viele andere treffliche Möglichkeiten für Kost und Logis in der Apfelkammer Europas gibt. Da hilft im Falle eines Falles der Tourismusverein weiter.  

Beispiel findet weiterhin Nachahmer

Da es seinerzeit an dieser Stelle entsprechend in mehreren Beiträgen publiziert worden ist, fand und findet dieses Beispiel weiterhin Nachahmer aus dem Senioren-Bereich. Aktuell ist Rainer Horstmann aus Kirchlinde, der amtierende Deutsche M-60-Meister im Diskuswurf, mit seiner Lebensgefährtin vor Ort. Seinerseits bereitet er sich auf die Wurffünfkampf-DM am 05.August in Zella-Mehlis vor. „Ein prima Tipp“, ließ Rainer an meine Adresse per WhatsApp wissen. „Die Trainingsbedingungen und das Hotel können uneingeschränkt weiterempfohlen werden.“ Schön, wenn's andere bestätigen.

David Storl holt sich derzeit in Latsch den EM-Feinschliff

Mittlerweile bekam der 61-jährige Westfale höchst prominente Verstärkung. Weltklasse-Kugelstoßer David Storl (*27.07.1990), der dann wohl in Latsch seinen Geburtstag feiern wird, holt sich als „Wiederholungstäter“ hier seinen Feinschliff für die am 06. August beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin. Dafür gibt es noch einiges zu feilen. Denn in Nürnberg wuchtete „Storli“ das 7,26 Kilo schwere Gerät beim Einstoßen auf 20 Meter aus dem Stand und etwa 22 Meter mit Angleiten, sein bester Wettkampfversuch landete jedoch „lediglich“ bei 21,26m.
Auf gutes Gelingen für die kommenden Aufgaben! Natürlich beiden.

Ein Beinaheunfall überschattete die durchweg enttäuschende DM

Kolumne

Moment mal

(Darmstadt/Nürnberg/Krefeld, 23. Juli 2018)
Auf der Friede-Freude-Eierkuchen-Netzseite des DLV wird sicher wieder die heile Welt abgemalt und ins Poesie-Album geschrieben, wie toll diese 118.Deutschen Meisterschaften der Männer und Frauen im einstigen Frankenstadion in Nürnberg gewesen sind. Das waren sie mitnichten. Eher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, unter dem dicken Strich die nach nicht unmaßgeblicher Meinung etlicher Experten schwächsten Titelkämpfe der letzten Jahre bei ausgesprochen mäßiger Publikumsresonanz. Dazu noch aufgrund mangelhafter, fahrlässiger Sicherheitsvorkehrungen *) überschattet von einem Beinaheunfall, den bei einem „verirrten“ Diskus von Martin Wierig aus Magdeburg knapp außerhalb des Sektors einen instinktiv und schnell reagierenden, allerdings auch leichtfertigen Fotografen fast Kopf und Kragen gekostet hätte. Mit einem Rheinischen „Et is ja nochmal jot jejange“ kann und darf es nicht sein Bewenden haben. Der Verantwortliche muss zur Rechenschaft gezogen werden und sollte schleunigst seinen Hut oder wie auch immer geartete Kopfbedeckung bei nicht vorhandenem Haupthaar nehmen.

Missmanagement und Kaputtreformieren mit einem Preis gewürdigt

Stattdessen wurde der DLV-Leiter Wettkampforganisation Frank O(ooh). Hamm (im Bild) aus Aachen für sein fortwährendes Missmanagement und Kaputtreformieren zum Abschluss der Veranstaltung „aufgrund seiner profunden Kenntnisse in der Leichtathletik“ vom neuen DLV-Präsidenten Jürgen Kessing mit dem Hanns-Braun-Gedächtnis-Preis ausgezeichnet. Da werden mal eben die tatsächlichen Gegebenheiten auf den Kopf gestellt und ad absurdum geführt. Lächerlich, wenn es nicht so maßlos traurig wäre. Angemessenes Handeln war freilich seit den unseligen Zeiten eines viel zu lange an der Spitze stehenden Clemens Prokop noch nie die Stärke dieses wie eine schwerfällige Behörde geführten Dach- und Fachverbandes, der sich zu allem Überdruss für ungeheuer innovativ hält.

Eine sehr große deutsche Mannschaft darf zur EM

Es sickerte bereits durch, dass ungeachtet so mancher sportlicher Offenbarungseide „eine sehr große deutsche Nationalmannschaft von etwa 130 Athleten/innen“ zu den Europameisterschaften vom 06. bis 12.August 2018 ins Berliner Olympiastadion entsendet werden soll. Das ist indes mit dem Blick auf eine EM im eigenen Lande nach dem Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ wohlwollend zu gutieren. Wundere sich freilich währenddessen und hinterher keiner über die vielen Sporttouristen mit dem Schriftzug GERMANY auf der Brust.
Bleibt uns Sehleuten vor Ort oder an der Glotze immerhin die Ausrede, dass wir aus Deutschland sind.
*) Dazu schrieb unser Gastautor Dieter Krumm eine uns bereits bekannte Mail an Hamm und Kessing, die wir als „Offenen Brief“ veröffentlichen, sofern er bis Mittwoch keine Antwort darauf erhält.

Ein "Shitstorm" brach über Öffentlich-Rechtliche von ARD und ZDF herein

Kommentar

Unter uns gesagt

(Darmstadt/Nürnberg/Krefeld, 24. Juli 2018)
Ob der wahrgenommenen mangelnden Fernseh-Präsenz der Leichtathletik-DM bei den Öffentlichen-Rechtlichen von ARD und ZDF brach ein Shitstorm = Scheißsturm auf die (a-)sozialen Netzwerke hernieder. Versteht sich am Rande der Bande, ist auch nicht Sinn der Sache, dass das an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden kann. Exemplarisch: Selbst die nicht als unverbesserliche Schreihälse bekannten „Freunde der Leichtathletik e.V.“ meldeten sich mit einem hinkenden, unqualifizierten Vergleich von der Formel 1, die  schließlich von RTL Werbeeinnahmen-trächtig vermarktet und übertragen wird, in schriftlicher Form zu Wort. Gemach, gemach. Immerhin generiert der Privatsender aus Köln via TV vor allem dank Sebastian Vettel im Schnitt um die sechs Millionen Zuschauer. Das ist ein Faustpfand. Nehmen wir dagegen EUROSPORT, die bei Leichtathletik-Übertragungen im mittleren bis oberen sechsstelligen Bereich herum dümpeln.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen

Eingeräumt, dass ich als aktiver Senioren-Kugelstoßer bei zunächst oberflächlicher, sentimentaler Betrachtung auf LAMPIS in das allgemeine Wortgeklingel eingestimmt habe. Aus der Sicht des neutralen, Objektivität walten zu lassenden Sportjournalisten ist die ganze Chose indes entschieden anders zu beurteilen und gewichten. Aus meiner 34-jährigen Zeit des operativen Tagesgeschäfts als Allrounder mit den Schwerpunkten Eishockey, Handball, Feld-/Hallen-Hockey und Leichtathletik bei drei verschiedenen Krefelder lokalen Sportredaktionen (NRW, WZ, RP) weiß ich, dass sich alle Sportarten respektive deren Protagonisten gleich wichtig nehmen. Vollkommen egal, wie bedeutend oder - mit Verlaub - unbedeutend sie in der öffentlichen Wahrnehmung sind. Der Informationspflicht einerseits und dem Informationsbedürfnis bestimmter Gruppen andererseits irgendwie gerecht zu werden, ist eine schiere Unmöglichkeit. Illusorisch, mit dem Anspruch überhaupt antreten zu wollen. Was bleibt, sind Kompromisse. Das ist bei den Fernsehsendern letztlich nicht anders. Und gewiss tut die Leichtathletik-Gemeinde gut daran, nicht argwöhnisch mit nackten Fingern auf den Radrennsport zu zeigen. Der Ruf von beiden ist nämlich mächtig ramponiert. Ganz pauschal und global gesehen: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen... 

Leichtathletik kann keinen Anspruch auf Nummer-zwei-Status ableiten

Und machen wir uns alle miteinander nix vor: Nach dem unangefochtenen, unantastbaren „König Fußball“ haben die Leichtathleten schon lange nicht mehr den Nummer-zwei-Status in der Gunst des Publikums. So sie ihn überhaupt je hatten. Dem stehen allein die Mitgliederzahlen der Verbände im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) entgegen. Der DLV liegt in dieser Hinsicht mit 0,816 Millionen mal gerade an sechster Stelle hinter dem DFB (7,044 Mio),  Deutschen Turner Bund (4,939 Mio), Deutschen Tennis Bund (1,352 Mio), Deutschen Schützenbund (1,352 Mio), Deutschen Alpenverein (1,146 Mio) sowie nicht mit Riesenvorsprung vor dem Deutschen Handball Bund (0,757 Mio), der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (0,687 Mio) und, man lese und staune, dem Deutschen Golf Verband (0,643 Mio). Woraus sollen sich da irgendwelche Sonderrechte ableiten lassen? Eine rein rhetorische, hypothetische Frage. Gleichwohl die Antwort: Keine!

Nicht nur die Medaille und Münze hat eine Kehrseite

Ergo haben wir es in der Leichtathletik bestenfalls mit 816.000 eingefleischten Anhängern zu tun. Die mal getätigte bierselige Aussage des DLV, dass sich ein Drittel der Bundesbürger oder 27 Millionen für die Leichtathletik interessieren würden, ist bloßes Wunschdenken. Mehr noch – ein Hirngespinst mit stark pathologischen Zügen. Wäre dem so, hätte bei der DM in Nürnberg das Stadion bei dem unmittelbaren Einzugsgebiet der Gastgeberstadt (511.628 Einwohner) und des benachbarten Fürth (125.400) als klassischem Leichtathletik-Standort an beiden Tagen ausverkauft sein müssen. Und dann hätten immer noch rund 170.000 pro Tag keine Karte erwerben können. Es herrschte jedoch große Tristesse auf den nicht einmal zu einem Viertel gefüllten Rängen der Arena mit einem Fassungsvermögen von 44.308 Plätzen.
Soviel zu Theorie und Praxis sowie Wunsch und Wirklichkeit. Befleißigen wir uns also mit größtmöglicher nüchterner Herangehensweise des verbalen Flachpasses. Nicht nur die Medaille und Münze hat stets eine Kehrseite.

Robert Harting bekommt zum Abschied sein "Heimspiel" bei der EM

(Nürnberg/Krefeld, 22. Juli 2018) Nach einer charmanten Lüge des gerne auch Besucherzahlen schönenden und großzügig aufrundenden DLV sollen sich rund ein Drittel der Bundesbürger oder 27 Millionen für die einstige olympische Kernsportart Leichtathletik interessieren. Wenn dem auch nur zur Hälfte so ist, kann die Nation aufatmen. Denn „unser“ auf Abschiedsfahrt befindliches Flaggschiff wird als das im doppelten Wortsinne heimische Gesicht bei den Europameisterschaften der Männer/Frauen vom 06. bis 12.August 2018 im Berliner Olympiastadion dabei sein. Diskuswurf-Allesgewinner Robert Harting (*1984) vom SCC Berlin schaffte gestern bei den Deutschen Meisterschaften im fränkischen Nürnberg  in einer anscheinend von einem Dramaturg inszenierten, an Spannung und Nervenkitzel nicht zu überbietenden Konkurrenz mit 63,92m als Dritter die interne sportliche Qualifikation. Mal gerade 20 Zentimeter vor Martin Wierig vom SC Magdeburg. Damit bekommt der noch 33-jährige Berliner zum Ausklang seiner außergewöhnlichen Karriere also „sein Heimspiel“. Da, wo er 2009 den ersten seiner insgesamt drei Weltmeistertitel (noch 2011 und ’13) in die nahe Scheuer fuhr. Neben all dem anderen mit dem krönenden Olympiasieg 2012 in London.

Ein Hauch von Wehmut kommt bereits jetzt auf

Eingedenk seiner sportlichen Abschiedsvorstellung, bei der aus seinem geschundenen Körper noch einmal so um die 66,50 Meter herausholen möchte, wird bei vielen Fans, Experten und Berichterstattern bereits jetzt ein Hauch von Wehmut aufkommen. Denn dieser Typ mit Ecken und Kanten, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, stets unverblümt und ungefiltert seine Meinung äußerte, war über viele Jahre hinweg die zentrale, intelektuelle Figur  – um in der oben gezeichneten Bildsprache zu bleiben – und die Galionsfigur der deutschen Leichtathletik-Szene. Ein im positiven Sinne für die Sache höchst unbequemer Zeitgenosse. Insbesondere für den dilettantischen geführten, von ihm häufig kritisierten Fachverband, der seinen Ausstand vermutlich zwiespältig mit einem lachenden und weinenden Auge sehen wird. Dass gerade ich ihn als kugelstoßender Sportjournalist so ergiebig und erfrischend finde, wird unsere Stammbesucher nicht weiter verwundern.

Rollende Apotheke durch Frankreich hatte Vorfahrt

Pünktlich mit 16-minütiger Verspätung, es musste noch die Ankunft des weit abgeschlagenen Hauptfeldes bei der rollenden Apotheke durch Frankreich abgewartet werden, begann gestern um 18.11 Uhr die DM-Übertragung. Sprinterin Gina Lückenkemper konnte sich beim „Flash-Interview“ durch Moderator Claus Lufen nach ihrem Zwischenlauf in ihrer bekannt locker-flockigen Art einen Seitenhieb über die mangelnde Fernseh-Präsenz der Leichtathletik nicht verkneifen. Wieder am Wort meinte der sich gern des Jargons bedienende Kommentator und Dampfplauderer Ralf Scholt (bei ihm ist alles ein „Ding“ und ständig wird irgendwas „sortiert“), dass die ARD seit 27 Jahrzehnten über die Deutschen Meisterschaften berichtet. Nur noch mal zum Mitrechnen: Das sind 270 Jahre! Die DM gibt es aber erst seit 1898 und eine regelmäßige Ausstrahlung von Fernsehsendungen erst seit 1952. Klar, war ein Versprecher, wovon allerdings beim Duo Scholt/Hark ein paar zu viele über die Lippen kommen, und nicht alle gesprochenen Worte müssen auf die Goldwaage gelegt werden. Gleichwohl vielen Dank für die Steilvorlage einer glossierenden Anmerkung!
Heute ist ab etwa 17.30 bis 18.50 Uhr mit einem Schnipsel das ZDF an der Reihe. Mit dem Zweiten sollen wir ja angeblich besser sehen, aber für wirkliche Fachleute gibt es auch von denen gehörig was auf die Lauscher. Glücklicherweise nicht mehr von „Poschi“ (Wolf-Dieter Poschmann). Dem wurde der Ton mittels Ruhestand abgedreht.
Alle bisherigen Ergebnisse unter diesem Link.