Allein drei deutsche Einzelmeisterschaften 2015 im Osten der Republik

(Darmstadt/Krefeld, 29. Juli 2014)  Werfen wir einen kühnen Blick voraus auf den Rahmenterminplan 2015 und greifen dabei in die Ostalgie-Kiste. Da fehlt am letztgenannten Wort kein „N“ vorne. Schließlich handelt es sich ja um die Zukunft, irgendwie jedoch auch um die verklärte Vergangenheit. Denn die Karawane wird zu allein drei deutschen Einzelmeisterschaften der Senioren ostwärts ziehen. Wieder einmal. Vielleicht stößt ja noch die Team-DM hinzu, deren Schauplatz noch nicht feststeht. Es mag durchaus sinnvoll sein, auf Bewährtes zurück zu greifen. Andererseits entbehrt es einer gewissen Originalität, Abwechselung und mithin Vielfalt. Dazu werden den immer gleichen landsmannschaftlichen Gruppierungen weite An- und Abreisen zugemutet. Als da wären am 28.Februar/01. März die Deutschen Hallen-Meisterschaften in Erfurt (wo auch sonst, dieses Jahr erneut mit dem Doppel Halle und Freiluft), die Deutschen Meisterschaften vom 10. bis 12. Juli in Zittau und die nationalen Titelkämpfe im Wurf-Fünfkampf im September (genauer Termin steht noch aus) in Zella-Mehlis. Also zweimal Thüringen, einmal Sachsen. Insbesondere der weite Ritt nach Zittau, die östlichste Stadt unserer Republik im Drei-Länder-Eck Deutschland – Polen – Tschechien, wird nicht nur wegen der Abgelegenheit und Entfernung keine pure Freude auslösen. Wenngleich die örtlichen Ausrichter nichts dafür konnten, war die Senioren-EM 2012 an gleicher Stelle mit reichlich negativen Begleitumständen belegt. Das wird sich aufgrund völlig anderer Voraussetzungen nicht wiederholen, ist aber noch in vielen Köpfen der damals 2.150 (!), die Ausfallquote von 25,12 Prozent schon abgezogen, heimischen Teilnehmer/innen. Einen derartigen Ansturm wird es infolge Normen bei der DM ohnehin nicht geben, die im August 2004 schon einmal in Zittau stattfand. Übrigens bestens organisiert.

Ob Pest oder Cholera - auf ARD und ZDF traf von der DM beides zu

TV-Kritik

(Ulm/Krefeld, 28. Juli 2014)
Ein wahr gewordener Albtraum: Der geneigte Betrachter hatte nicht einmal die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die exklusiv übertragenden öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten von ARD und ZDF gaben – um im Bilde zu bleiben – im fliegenden Wechsel den Staffelstab von der Berichterstattung der Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen in Ulm weiter. Was für eine Geldvernichtung unser aller Rundfunk- und Fernsehgebühren, bei einer Zwei-Tages-Veranstaltung den immensen technischen und personellen Aufwand doppelt zu betreiben. Da gehört im Interesse der Allgemeinheit von übergeordneter Stelle schnellstens ein Riegel vorgeschoben. Es macht von der „Qualität“ ohnehin keinen Unterschied, wer von beiden auf Sendung geht.
Längst ist der griffige Dreisatz der Leichtathletik laufen – springen – werfen von der Reihen- zur Rangfolge hoch sterilisiert worden (das ist jetzt kein Schreib- oder Denkfehler). Einmal mehr wurde gestern (ARD) die Abteilung Wurf untergebuttert. Stattdessen war Runden drehen bis der Arzt kommt angesagt. Dazu in langatmigen und langweiligen Bummelrennen mit 1.400 oder 4.900 Meter Anlauf und einem Tribünenspurt hintendrauf. Typische Meisterschaftsrennen pflegt der Fachmann das zu nennen. Treffender wäre zu Tode geschont und Muster ohne Wert. An Härte nicht gewöhnt, werden die Damen und Herren international hinterher hecheln. Wer heute die Glorifizierung auf der Verbandsnetzseite liest, dem wird der Kitt aus der Brille fallen.
Weitaus spannender ging es beim Hammerwurf der Männer und Speerwurf der Frauen zu. Aber das wurde dem bei der ARD angeblich in der ersten Reihe sitzenden Konsumenten geflissentlich vorenthalten. Kein Schnipselchen als Konserve dieser vor Sendebeginn statt gefundenen Wettbewerbe. Nicht mal ein verbaler Hinweis darauf. Was nicht live über den Bildschirm flimmert, hat eben nicht statt gefunden. Punkt. Sehr spartanisch auch, was unsereins vom Diskuswurf der Männer geboten wurde. Klar, da joggten ja auch gerade die 5.000-m-Läufer ums Oval. Dafür gab es das vom ZDF bereits Samstag, inklusive Aktuelles Sportstudio, hinlänglich ab gearbeitete, vom DLV verschlafene Thema um den behinderten Weitspringer Markus Rehm aus Leverkusen als viel zu lang geratenen Aufguss. Das kommt dabei heraus, wenn zwei Sender sich wechselseitig eine Meisterschaft teilen.
Beinahe müßig zu erwähnen, dass sich die Kommentatoren dem mäßigen Niveau der Mittel- und Langstreckler/innen sowie dem jämmerlichen Bildregisseur nahtlos anpassten. Ralf Scholt, der in seiner allzu saloppen Sprache stark zum Jargon neigt, wollte nach einem Gewitterregen gar eine Überflutung der Bahn festgestellt haben. Da muss wohl die Donau bis ins gleichnamige Stadion über ihre Ufer getreten sein. Aus den 400 Metern der Männer wurden 400 m Freistil (der Scholt hat bei Schwimmwettbewerben offenbar zu oft den Stichwortgeber für Expertin Franziska van Almsick gespielt). Das hinderte Kamghe Gaba indes nicht daran in 45,82 sec. nahe seiner Saisonbestzeit die Lichtschranke zu passieren. Von Aquaplaning habe keine Rede sein können, versicherte er später beim so genannten „Flash Interview“ in der Mixed Zone. Dumm gelaufen für den Poeten am Mikrofon. Derweil verbandelte sein Kollege Wilfried Hark mehrfach Robert Harting mit der Diskuswurfsiegerin des Vortages. Das war die dunkelhäutige Shanice Craft aus Mannheim. Die Herzdame des Berliners ist jedoch seine Klubkameradin Julia Fischer, die Zweite wurde. Ein bisschen Klatsch und Tratsch ist ja ganz hübsch. Nur sollte er dann auch stimmen. Besser den Mund halten, bevor man(n) sich selbigen verbrennt.
Lassen wir es gut sein, erinnern uns als ältere Semester wehmütig der Zeiten, wo das kongeniale Doppel Dieter Adler/Gerd Rubenbauer bei der ARD und Bernd Heller beim ZDF das Sagen hatten. Gleichwohl dürfen wir uns auf die Übertragungen von den Europameisterschaften in Zürich freuen. Denn da gibt es nämlich wieder mit den ausgewiesenen, Preis gekrönten Fachleuten Sigi Heinrich und Dirk Thiele von EUROSPORT eine Alternative, die zudem aus ihren Herzen keine Mördergrube machen und sich schon einmal gegenseitig auf die Schippe nehmen. Obendrein berichtet der Spartensender viel ausführlicher.

Hammerwerferin Betty Heidler erlebte nun ihr nationales Waterloo

 

(Ulm/Krefeld, 27. Juli 2014)  Seniorinnen und Klubkameradinnen von der LG Frankfurt gestern unter sich beim Titelkampf im Hammwurf anlässlich der Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen im Donaustadion in Ulm. Nur der Ausgang stellte die Hierarchie schlichtweg auf den Kopf. Die gelegentlich bei internationalen Großereignissen schon an der Qualifikation scheiternde Betty Heidler (*1983) erlebte nun auch beim nationalen Saisonhöhepunkt ihr Waterloo. Mit für sie restlos enttäuschenden, fast zehn Meter unter ihrer absoluten Bestleistung liegenden 69,83 m musste die Seriensiegerin und klare Favoritin eine eher seltene, dafür aber deutliche Niederlage gegen Vereinskollegin Kathrin Klaas (72,08 m) hinnehmen. Deren drei nächstbesten Versuche jenseits 70 Meter hätten auch noch zum Triumph gereicht. Schön für sie, bitter für die tomatenblonde Betty, der wohl irgendwie Temperament, Biss und Pfeffer – hoffentlich nur vorübergehend – abhanden gekommen sind. Aber solche Tage gibt es ganz offensichtlich auch bei Professionals, besser mit dem Allerwertesten im Bett oder sonst wo geblieben zu sein. Blöd daran, dass man(n)/frau es meist vorher nicht schon weiß. Der berühmte Griff ins Klo eben. Und die übrigen aus der Ü-30-Gilde im gestrigen Einsatz? Sabine Rumpf (*1983) von der LSG Goldener Grund Selters belegte mit 59,16 m fernab von Bronze den vierten, Ulrike Giesa (*1984) vom LAC Quelle Fürth mit 55,29 m den neunten Platz. Julia Bremser (*1982) von der LSG Goldener Grund wurde zunächst nicht geführt, tauchte jedoch in der späteren finalen Gesamtliste ohne gültigen Versuch auf.

Robert Harting souverän, Markus Esser mit ganz viel Dusel

(Ulm/Krefeld, 28. Juli 2014)  Diskuswurf-Dominator Robert Harting (*18.10.84) vom SCC Berlin – wer sonst?! Der Dreißiger in Lauerstellung setzte sich als einziger Senioren-Vertreter der Konkurrenz am gestrigen Schlusstag der Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen im Ulmer Donaustadion souverän mit 66,67 m durch. Dabei ließ sich der Berliner auch nicht von einem Gewitterregen und rutschigen Ring stoppen. Er konnte sich den Luxus leisten auf die beiden letzten Versuche zu verzichten und schaute seelenruhig zu, wie sich die Martin Wierig & Co. vergeblich daran abarbeiteten, ihn noch einzufangen. Eine Zitterpartie wurde es indes für einen weiteren großen Favoriten der Ü-30-Generation. Hammerwerfer Markus Esser (*1980) vom TSV Bayer 04 Leverkusen hatte bei seinen 75,18 m gerade mal einen Vorsprung von drei Zentimeter vor dem sieben Jahre jüngeren Alexander Ziegler von der LG Staufen. Wer will da bei dem aufgewühlten Rasen Messungenauigkeiten hier wie da mit völliger Sicherheit ausschließen?  Garland Porter (*1982) von der LG Eintracht Frankfurt belegte mit 70,32 m den vierten Rang, Essers gleichaltriger Klubkamerad Benjamin Boruschweski verpasste als Elfter (64,10 m) von allen angetretenen 13 Gemeldeten klar das Finale.
Katharina Molitor (*1983) setzte im Titelduell der beiden Leverkusenerinnen der Jahresbesten Linda Stahl mehr zu, als der lieb gewesen sein dürfte. Mit im letzten Versuch erzielten 63,40 m rückte sie der Olympia-Dritten und angehenden Medizinerin bis auf 15 Zentimeter nahe. Susanne Siebert (*1984) von der LG Augsburg als Vierte (57,88 m) und Mareike Rittweg (*1984) als Achte (53,66 m) sorgten für einen makellosen Auftritt der 30-Prozent-Fraktion in dem Zehnerfeld der Speerwerferinnen. - Die vollständige Ergebnisliste lässt sich mit diesem Link öffnen.

Kugelstoßerin Christina Schwanitz: Ein unvergleichliches Erlebnis

 

(Ulm/Krefeld, 26. Juli 2014)  Genuss ohne Reue. Fast. Es war das erwartete Spektakel vor historischer, imposanter Kulisse, bei dementsprechend stimmungsvollem Ambiente und einem begeistert mitgehenden Publikum auf vollen Rängen rund um die ambulante Kugelstoß-Anlage auf dem Platz vor dem Ulmer Münster. Doch nicht allen Athleten/innen wuchsen dabei Flügel, erwies sich diese grandiose Atmosphäre als zusätzlicher Rucksack. Dazu fehlten die nicht nur insgeheim erwarteten Tüpfelchen auf dem i mit Siegerweiten von Christina Schwanitz und David Storl (im Bild) jenseits der 20 respektive 22 Meter. Dafür brillierten die beiden uneingeschränkten Hauptdarsteller gestern Abend bei den ausgegliederten Wettbewerben zu den Deutschen Meisterschaften der Männer und Frauen mit einer beeindruckenden Konstanz auf absolutem Weltklasse-Niveau. Die jeweiligen Bestweiten von 19,69 m und dem Meisterschaftsrekord von 21,87 m sprechen für sich. Schwanitz sagte später nach getanem Werk in die hingehaltenen Mikrofone: „Ein unvergleichliches Erlebnis.“ Da traf die 28-jährige Vize-Weltmeisterin den Nagel auf den Kopf. Ein Novum dazu welches freilich Lust auf mehr machte. Das dürften die meisten der rund 2.000 sachkundigen Schaulustigen und die vermutlich ausschließlich aus Fachleuten bestehenden Zuseher an den Bildschirmen bei der über zweistündigen Live-Übertragung auf ZDFSport.de im Internet ebenso empfunden haben.
Wie zu befürchten war, wurde der eingesetzte, restlos überforderte Kommentator Peter Leissl dieser epochalen Premiere nicht gerecht. Der sabbelte bis auf die 15-minütige Pause zwischen beiden Konkurrenzen ohne Punkt und Komma, als wäre es eine Rundfunkübertragung, redete sich dabei mit einer Unmenge von sachlichen Fehlern um Kopf und Kragen, bekam gnadenlos seine ohnehin überschaubaren Grenzen speziell bei Stoß und Wurf aufgezeigt. Es wäre allemal besser gewesen, der im Hintergrund über die Außenmikrofone zu vernehmende sach- und fachkundige Platzsprecher wäre im Originalton statt Leissl über den Sender gegangen. Das trübte für uns daheim die Freude über soviel Kugelstoßen pur ein wenig. Liebend gerne hätte ich die Stummtaste gedrückt. Aber dann hätte ich sowohl das akustische Fluidum nicht mit bekommen als mich zudem über dieses Mainzelmännchen nicht ärgern sowie an dieser Stelle mitteilen können.
Auf andere Weise höchst bedauerlich, dass Andy Dittmar nicht am Start war. Dem 40- jährigen Superrepräsentanten der Senioren fehlten nach seiner Doppelrolle beim vorwöchigen 17. Gothaer Schlossmeeting schlichtweg die Kraft und körperliche Frische. Das ist bei seiner immer noch vorhandenen Klasse halt der Tribut ans fortgeschrittene Leistungssportalter.
Die Ergebnisse sind bei Online-Stellung (08:30 Uhr) dieses Beitrages noch nicht auf leichtathletik.de veröffentlicht. Blamabel!