Christina Schwanitz holte beim "Hitchcocktail" für starke Nerven Bronze

(Torun/Krefeld, 06. März 2021) Es war so ein bisschen wie beim Songtext von „Kreuzberger Nächte“ der Gebrüder Blattschuss: „Erst fang‘ sie ganz langsam an, aber dann, aber dann...“ Gemeint ist das Kugelstoßen der Frauen gestern Abend bei den Hallen-Europameisterschaften im polnischen Torun. Ein Dramaturg hätte es nicht spannender inszenieren können, was dieser Wettbewerb in sechs Akten in der Realität hergab. Eben auch aus der ganz speziellen deutschen Sicht war es gewissermaßen ein „Hitchcocktail“ für starke Nerven mit Christina Schwanitz (*1985) vom LV 90 Erzgebirge in eine der Hauptrollen. Die mit Abstand Stubenälteste des achtköpfigen Finalfeldes rettete auf der letzten Rille die kurz zuvor entglittene Bronzemedaille.
Die in den fünf Versuchen bis dahin mit sich und ihrer instabilen Technik (sie kam mit dem rechten Angleitbein nicht richtig unter den Körper) hadernde 35-jährige Zwillingsmama bewies im letzten Durchgang nach ein
er für sie grauseligen Serie mit dem Befreiungsschlag auf 19,04m ihre Nervenstärke und ihr Kämpferherz. Wenn’s aufgegangen ist, sagt sich das so leicht am Ende des Abends. Der feine sechste Platz von Sara Gambetta vom SV Halle mit bestleistungsnahen 18,34m (bis dahin 18,43m aus der Qualifikation) rundete das Gesamtkunstwerk schwarz-rot-goldener Prägung ab. Keine andere Nation stellte zwei Finalistinnen.

Hypernervöser Beginn  der Finalistinnen

Gambetta war es auch, die in der hypernervös beginnenden Konkurrenz nach der ersten Runde mit 18,30m vor Schwanitz (18,21m) und der Weißrussin Aliona Dubitskaya (18,11m) die „Polonäse“ anführte. Die Rangordnung der fünf Angleiterinnen und drei Drehstoßerinnen (Roos, Schilder, Toimil) wurde im zweiten Durchgang in etwa wieder hergestellt. Die favorisierte Wahl-Portugiesin Auriol Dongmo setzte sich mit 19,21m vor der sich auf 18,71m steigernden Schwanitz an die Spitze. Doch so richtig Stimmung kam erst nach dem Motto „Traue keiner Drehstoßerin“ ab dem fünften Versuch in die Bude respektive unters Hallendach. Das 20-jährige Nesthäkchen Jessica Schilder aus den Niederlanden zauberte plötzlich mit 18,69m die persönliche Bestleistung aus dem nicht vorhandenen Ärmel, konnte ihr Glück kaum fassen und weinte erst mal reichlich Freudentränen.

Erst ab dem fünften Versuch kam Stimmung in die Bude

Das war allerdings lediglich die Ouvertüre. Den Paukenschlag setzte anschließend die Schwedin Fanny Roos, die mal eben zu ihren 18,59m 70 Zentimeter drauflegte und mit 19,29m die zwischenzeitliche Führung übernahm, jedoch schon wenig später von Dongmo mit 19,34m gekontert wurde. Platz eins und zwei waren damit theoretisch und auch praktisch manifestiert, wie sich noch herausstellen sollte. Doch Dubitskaya steigerte sich im finalen sechsten Durchgang von 18,70 auf 18,86m, schnappte Schwanitz vorübergehend Bronze weg, dass sie sich jedoch postwendend mit jenen 19,04m zurück eroberte. Die lange Zeit ziemlich verbiestert und angespannt dreinschauende Dresdenerin fand ihr bekannt strahlendes, verschmitztes Lächeln wieder zurück, umarmte sich mit der Nationalfahne und die beiden vor ihr landenden Medaillen-Gewinnerinnen. Beim Hallen-Meeting in Rochlitz hatte sich Schwanitz auf die Frage eines MDR-Reporters noch sibyllinisch - buchstäblich - nichtssagend zu Dongmo
geäußert" (wir berichteten).

Hinter Sieger Tomáš Stanek drei weitere über 21 Meter

Alte Binsenweisheit fürs Phrasenschwein: Wer nicht da ist, der hat frei. Doch der nachfolgende Männer-Wettbewerb der sich ausnahmslos um die eigene Achse drehenden Kolosse zeigte auf, dass für den aus familiären Gründen fehlenden doppelten Ex-Weltmeister David Storl (SBL 20,83m) aus Leipzig Edelmetall unerreichbar gewesen wäre. Das vom Tschechen Tomáš Stanek (im Bild) mit 21,62m angeführte Spitzenquartett übertraf allesamt die 21-Meter-Marke. Es hagelte aufgrund des nicht regelkonformen, zu schmalen Sektors in der rechteckigen, seitlich und nach hinten geschlossenen hohen Schutzkonstruktion viele eigentlich nicht ungültige Versuche. Das wies uns der erfolgreiche Wurf-Allrounder Klaus Kynast (*1949) aus Hagen in einer bildlich-grafischen Darstellung nach. Dazu genügte für fachlich versierte Betrachter freilich beim direkt anwählbaren
Livestream" schon der genaue Augenschein. Für die Freunde der Statistik verweisen wir blau eingefärbt auf die Ergebnislisten der Frauen und Männer. Übrigens geht es hier in der Dachleiste Ost-Deutsch zu. Ulf Timmermann hält immer noch den Hallen-Europarekord (22,55m) und die Meisterschaftsbestmarke (22,19m). Lang, lang ist's her.

Ritt auf der Rasierklinge von Malaika Mihambo
 
Und was es sonst noch von den männlichen und weiblichen Germanen gegeben hat? Die amtierende Weitsprung-Weltmeisterin Malaiko Mihambo von der LG Kurpfalz leistete sich mal wieder durch ihre latenten Brettfindungsprobleme einen Ritt auf der Rasierklinge. Stets mindestens 30 Zentimeter vor dem Plastilinstreifen abspringend, rettete sich die 27-jährige im dritten Versuch der Qualifikation als Fünfte mit 6,58m in das im „Livestream“ zu sehende heutige Finale (Beginn 19.40 Uhr).
Darüber hinaus wechselten in den weiteren Vorentscheidungen Licht und Schatten in rascher Folge. Wohlgemerkt: Niemand wird an Unmöglichem gemessen, sondern lediglich an dem eigenen Leistungsvermögen. Es verstärkt sich einmal mehr der Eindruck, dass für allzu viele vom DLV entsandte nationale „Spitzenkönner“ die Nominierung bereits das Hauptereignis ist (war). Dort vor Ort werden dann die Beine schwer und die Köpf leer. Bis hin zu kopflosem taktischen Verhalten bei Läufen ab 400 Meter. Manche/r Athlet/in müsste vor sich selber geschützt werden, in dem er/sie nicht zu früh ins „Haifischbecken“ der europäischen Elite geworfen wird.  Alle Details unter leichtathletik.de