Hallen-DM: Galionsfiguren Schwanitz und Storl gaben den Takt vor

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(Dortmund/Krefeld, 21. Februar 2021) Frei nach dem Roman von Erich Maria Remarque aus dem Jahre 1928 und selbstverständlich nicht kriegerisch zu verstehen: Im Westen nichts Neues. Das bezieht sich sowohl auf den Ort der Handlung, als auch auf die Tatsache, dass hierzulande im Normalfall die Kräfteverhältnisse im Kugelstoßen beiderlei Geschlechts (noch) unverrückbar in Stein gemeißelt sind. Ein kleines bisschen Spannung verspricht lediglich die weitere Reihenfolge beim Rest vom Fest. Auf den Punkt gebracht: Die Galionsfiguren Christina Schwanitz (*1985/W35) vom LV 90 Erzgebirge mit 18,87m und David Storl (*1990/M30) vom SC DHfK Leipzig mit der neuen saisonalen deutschen Hallen-Bestleistung von 20,83m (bisher 20,59m) gaben den Takt vor, gewannen ebenso erwartungsgemäß wie deutlich in Dortmund die Titel bei den Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen unter dem Hallendach. Das sollte indes nicht das Ende der Kletterstange sein, wenn sie bei der Hallen-EM 2021 im polnischen Torun (04. – 07.März) in den friedlichen Kampf um die Medaillen eingreifen wollen, von goldenem Glanz ganz zu schweigen. Insbesondere bei Storl, der sich gerade mal auf die sechste Position der europäischen Jahresbestenliste verbesserte.

„La Schwanitz“ blieb bei Bierdeckel-Serie Ausreißer nach oben verwehrt

So wie im gestrigen Zeitplan, lassen wir auch nach dem Gebot der Höflichkeit den Töchtern Evas den Vortritt. „La Schwanitz“ (im Bild) ließ zum Auftakt mit für sie nicht standesgemäßen 17,70m (die sie zunächst ungültig machen wollte), noch viel Luft nach oben dran, lag nach dem ersten Durchgang hinter Sara Gambetta (17,88m) vom SV Halle an zweiter Position. Doch danach rückte die 35-jährige Zwillingsmama aus Dresden die Hackordnung in dem neunköpfigen Feld wieder zurecht, legte die nächsten vier Weiten mit 18,87, 18,81, 18,84,18,82m praktisch auf einem Bierdeckel ab. Was fehlte, war der sicherlich von ihr sowie ihrem Heim- und Bundestrainer Sven Lang erhoffte Ausreißer nach oben jenseits der Saisonbestleistung von 19,11m.

Mit „Grundschul-Technik“ auf Platz fünf
 
„Kronprinzessin“ Gambetta (*1993) steigerte sich im weiteren Verlauf noch über 18,03 auf 18,06m. Etwas mehr Artistik wäre nötig gewesen, den letzten Versuch im Ring zu halten. Der dürfte gemessen an der aufgeklebten weißen 18-Meter-Linie auf den blauen Gymnastikmatten der ambulanten Anlage im Innenraum des 200-Meter-Ovals (jetzt mit sechs Bahnen) etwa 18,30m gewesen sein und damit die Erfüllung der happigen EM-Norm von 18,20m. Ja, leider nur Konjunktiv. Schwanitz‘ drehstoßende junge Klubkameradin Katharina Maisch (*1997) wurde mit 17,65m Dritte. Aus derselben Talentschmiede „verblüffte“ die gleichaltrige Sarah Schmidt mit der im Sportunterricht der Grundschule als Einstieg gelehrte (oder müsste es richtiger geleerte heißen?) Wechselschritt-Technik. Es reichte zu Platz fünf mit persönlicher Bestleistung von 16,92m. Da dürfte noch jede Menge Potenzial bei einer Umstellung auf die Drehstoß-Variante im Verborgenen blühen.

Eine Technik-Umstellung zur absoluten Unzeit

Das sagten sich wohl auch Titelverteidigern Alina Kenzel (*1997) vom VfL Waiblingen und ihr Trainer Peter Salzer. Der Zeitpunkt kurz vor und in einer olympischen Saison ist allerdings äußerst schlecht gewählt, wird eine denkbare Qualifikation für Tokio quasi abgeschenkt. Die 23-Jährige wurde von der für sie neuen Technik beherrscht statt umgekehrt, blieb als Siebente mit 16,09m um 2,05 Meter hinter ihren Hallenbestweite zurück. -  Je vier Kugelstoßerinnen interpretierten die Angleit- und Drehstoßtechnik, dazu noch schon erwähnte Darstellerin aus dem Raritätenkabinett. Alles Weitere in der Ergebnisliste.


„Alterspräsidenten“ auch die Technik-Dinosaurier

Noch mehr auf dem Vormarsch ist bei den Männern das Allheilmittel Drehstoß. Der internationalen Entwicklung sind sie in Deutschland von der Basis bis zur Spitzenförderung in der Trainingslehre allzu lange  hinterher gelaufen, haben den Anschluss an die Weltklasse jenseits von 22 Metern auf Jahre hinaus verpasst. Das „predigt“ Lampis seit dem Bestehen ab 2009. Doch immerhin: So sind es buchstäblich auch die altersmäßigen „Dinosaurier“ Tobias Dahm (*1987), David Storl (*1990) und dessen Klubkamerad Denis Lewke (*1993), die sich der herkömmlichen Beschleunigung im Ring bedienen.
Das verbliebene Sextett wendete mit sich um die eigene Achse zu drehen die weitaus vielversprechendere Methode an. Mit besonders großem Erfolg Christian Zimmermann (*1994) vom Kirchheimer SC, der als Zweiter hinter Storl (Archivfoto) und vor Lewke (19,70m) im zweiten Durchgang erstmals mit 20,09 m die national begehrte 20-Meter-Marke (noch 20,07m) überbot. Ausgerechnet der hochtalentierte Jungspund Timo Northoff (*2000) vom TV Wattenscheid, der von seinem Vater Tilman (einem ehemaligem 19-m-Drehstoßer) trainiert wird, blieb hinter seinen Möglichkeiten zurück. Mit 17,79m, 1,14 Meter unter seiner persönlichen Hallenbestleistung (18,93m) von Rochlitz, verpasste er den Einzug ins Finale der besten Acht. Dazu wären nach dem Vorkampf 17,99m erforderlich gewesen (siehe alle Resultate). Und was es außerhalb des 2,13-m-Ringes sonst noch so alles gegeben hat unter leichtathletik.de