Eine andere Sicht auf das "Whistleblower"-Portal im Kampf gegen Doping

Kommentar

Nebenbei bemerkt

(Bonn/Krefeld, 30. Januar 2021) Kurzzeitig hatte ich als überwiegender Alleinunterhalter dieser Netzseite den Gedanken, das heiße Eisen um das „Whistleblower"-Internetportal im Kampf gegen Doping unter unseren Lesern zur Diskussion zu stellen. Den habe ich jedoch sehr schnell wieder verworfen. Was, wenn ich nach dem Motto „Die Geister die ich rief“ eine Lawine losgetreten hätte? Dazu hätte es lediglich fünf Prozent unserer täglichen Stammbesucher bedurft, um mich für einige Zeit für andere Aufgaben an dieser Stelle und sonst wo lahmzulegen.
Aber bisweilen fliegen einem ja sinnbildlich gebratene Tauben ins Haus. Dies in Gestalt unseres als einstigem MdB politisch „vorbelasteten“ häufigeren Gastautoren und Wurf-Allrounders Torsten Lange (im Bild) aus Bonn. Der 75-jährige Rhein-Anrainer nähert sich dem kitzeligen Thema mit einer etwas anderen Sicht auf die Dinge. Nämlich Pro dieser zumindest nicht unumstrittenen Maßnahme. Ob stromauf- oder stromabwärts, entscheide der geneigte Betrachter selber. Dennoch die Bitte, von Leserbriefen abzusehen. Axel Hermanns
  
Ein schmaler Grat zwischen Verantwortung zeigen und Verrat

Stellen wir uns mal vor, in der Nachbarwohnung sind immer wieder laute Schreie von Kindern zu hören. Das Jugendamt anrufen? Oder im Treppenhaus wird gemunkelt über Frau X im Appartement Y, die – wenn sie sich mal raustraut – öfters Hämatome im Gesicht hat. Den Weißen Ring informieren? Hilfsorganisationen und Beratungsstellen sind sich ja einig: Aufmerksam sein, Augen und Ohren nicht verschließen, mit der Nachbarschaft sprechen, notfalls die Polizei rufen. Willkür? Verrat?
Oder was ist mit Herrn K. im Obergeschoss, der in harten Lockdown-Zeiten mit seinen Kumpels fröhlich Partys feiert. In Köln etwa gehen täglich bis zu 200 Hinweise ein, die auf Verstöße gegen das Kontaktverbot aufmerksam machen. Willkür? Verrat?

Fakten sammeln, um überhaupt Anzeige stellen zu können

Klar, in den ersten beiden Fällen geht es um handfeste Gewalt, im dritten Fall um Verstöße gegen eine Verordnung, die als Hintergrund letztlich die Frage nach Leben und Gesundheit anderer umfasst. Was aber ist bei Doping und REVEAL denn anders? Diese Plattform will ja gerade Belege sammeln, damit Anzeige überhaupt gestellt werden kann.
Sind die Doping-Opfer in West und Ost schon vergessen? Vielleicht wären sie gesund geblieben oder gar noch am Leben, hätte jemand „den Verrat" geübt. Es geht bei Doping nicht nur um Unsportlichkeit oder mangelnde Fairness. Beides schlimm genug. Es geht auch um kriminelles Verhalten, um Straftatbestände sowohl im Verbandsbereich als auch im Straf- und Zivilrecht innerhalb unseres demokratischen Rechtsstaates. Insofern zielen Hinweise auf Informanten im NS- und DDR-System weit daneben.

Schwierige Bemühungen um einen sauberen Weg

Doping ist lebensgefährlich, betrügerisch und macht den Sport auf Dauer kaputt. Wer leichtfertig von „Denunziation" spricht, drückt den Hinweisgeber moralisch auf dieselbe Ebene wie den Täter und konterkariert die ohnehin schwierigen Bemühungen um einen sauberen Weg. Wichtigtuer gibt es überall. Doch auch ihnen setzt der Gesetzgeber mit den Straftatbeständen „Verleumdung" und „üble Nachrede" ja seine Grenzen.
Meine ganze Verachtung gilt jedenfalls weniger irgendeinem Hinweisgeber als dem hoffentlich entlarvten Betrüger!