Denunziantentum hat bei der Doping-Bekämpfung nichts zu suchen

(Melsungen/Krefeld, 29. Januar 2021) Wenn nicht er, wer sonst? Alwin J. Wagner (im Bild) aus Melsungen in Hessen ist als ehemaligem Weltklasse-Diskuswerfer und Polizeihauptkommissar nichts Weltliches fremd. Der inzwischen 70-Jährige hat in der Prävention gegen Drogen und Doping an Gymnasien landauf, landab unzählige Vorträge gehalten. Im Zusammenhang mit unserer Kolumne „Nunmehr kann im Kampf gegen Doping jeder ,Whistleblower‘ werden“ haben wir gezielt einige bekannte Senioren-Leichtathleten und Persönlichkeiten aus dem Ehrenamt um ihre Meinung zum Thema gebeten.
Das lässt sich aus Platzgründen nicht alles abbilden. Der Tenor ist jedoch einhellig ablehnend. Stellvertretend lassen wir unseren eingangs erwähnten gelegentlichen Gastautoren mit seiner ausführlichen, fachmännisch fundierten und pointierten Stellungnahme nachfolgend zu Wort kommen. (Die Redaktion)


Doping im Sport mutiert zur Unendlichen Geschichte

„So sehr ich begrüße, dass der Kampf gegen Dopingsünder weiterhin intensiv betrieben wird, so sehr bin ich leider auch davon überzeugt, dass diese ungleiche Auseinandersetzung schon längst verloren ist. Denn die Dopingsünder sind den Dopingfahndern immer den berühmten einen Schritt voraus. Das wissenschaftlich betriebene Doping im Spitzensport kann seit Jahren nicht mehr zeitnah erkannt werden. Deshalb wird es eine „Unendliche Geschichte“ bleiben. Aber dass nun jede/r im Kampf gegen Doping ein Whistleblower werden kann, halte ich für einen vorgezogenen Aprilscherz und den falschen Ansatz. Schon unsere Vorfahren kannten das geflügelte Wort  „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“. 

Denunzierung typisch für totalitäre Systeme

Das Denunziantentum ist nur für totalitäre Systeme typisch. Weit verbreitet war es zur Zeit im nationalsozialistischen Deutschland vor und im zweiten Weltkrieg zwischen 1933 und 1945. Wollte man den Nachbarn oder einer anderen Person schaden, wurde anonym die Gestapo informiert und der zu Unrecht Beschuldigte wurde für einige Zeit aus dem Verkehr gezogen. Ähnlich war es auch in der DDR. Dort fühlte sich jeder von jedem beobachtet, und jeder konnte jeden denunzieren. Auch wenn es nicht stimmte. Diese inoffiziellen Mitarbeiter hießen „Spitzel“ oder „Kundschafter“. Allerdings gingen die meisten Denunzianten nicht von sich aus zur DDR-Geheimpolizei, sondern sie wurden von Mitarbeitern des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) angesprochen, angesetzt und mitunter unter Androhungen von Repressalien gezwungen.

Geschichte darf sich selbst im Sport nicht wiederholen

Wollen wir ein auf den Sport heruntergebrochenes System im vereinigten Deutschland aus Ost und West wirklich einführen?
 Das darf nicht sein! Schließlich haben wir Gesetze, nach denen man den Täter bestrafen kann. Wird zum Beispiel jemand hinreichend verdächtigt gegen das Anti-Doping-Gesetz verstoßen zu haben mit

  • Eigendoping
  • Dopen von Sportlern
  • Herstellen und/oder Weiterreichen von Dopingmitteln
  • Einführen von Dopingmitteln nach Deutschland

dann kann er angezeigt werden. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, kann dieses Verhalten mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe geahndet werden.

Verdächtigung Unschuldiger ist ein strafbarer Tatbestand

Eine falsche Verdächtigung allerdings, die zur Verfolgung Unschuldiger durch die Polizei oder Staatsanwaltschaft führt, ist ein strafbarer Tatbestand. Und das ist auch gut so!  Allein schon der bloße Gedanke, dass jeder im Kampf gegen Doping Enthüller/Aufdecker von eigenen Gnaden werden sowie anonyme Anschuldigungen und Verdächtigungen vortragen kann, ist auf das Schärfste zurückzuweisen.“