"Notopfer"-DM im Gewichtwurf war unter dem dicken Strich eine Farce

Kolumne

Moment mal

(Zella-Mehlis/Krefeld, 28. August 2020)
Klar, dass sich alles glorifizieren und sinnbildlich das Weihrauchfass schwenken lässt, dass es nur so qualmt. Wer anderswo zu feige ist, seine Meinung zu äußern oder als Öffentlichkeitsarbeiter verbandsseitig neben dem Mundschutz auch noch einen imaginären Maulkorb verpasst bekommt, der lobt über den grünen Klee, was heutzutage Minimalanforderung ist: Die hygienischen und sportlichen Voraussetzungen zur Durchführung von Deutschen (Senioren-)Meisterschaften unter den Vorzeichen der vermaledeiten Corona-Krise zu schaffen. Das kann durchaus beiläufig Erwähnung finden. Darüber darf aber die Hauptsache, der sportliche Wert und die entsprechende Bewertung nationaler Titelkämpfe in der Nachbetrachtung jedoch nicht vergessen werden. Denn darum geht es nun einmal vordergründig: Um Sport = Zeiten, Höhen, Weiten.

Zu wenige Leistungen einer Meisterschaft würdig
  
Lassen wir also neben der bereits geäußerten (berechtigten!) Kritik zu dieser unsäglichen „Notopfer“-DM im Gewichtwurf in Zella-Mehlis in unserer gewohnten Art  knallharte, unbestechliche Zahlen, Daten, Fakten sprechen. Vorausgeschickt, dass die Titel und Medaillen derer, die einer Meisterschaft würdige Leistungen geboten haben, nicht geschmälert werden sollen. Die gab es auch, wurden von uns gebührend gewürdigt, waren indes ausgesprochene Mangelware. Einer wurde allerdings von uns bei dem Wust an Altersklassen und dem Wirrwarr der Ergebnisübermittlung a la Seltec im Zusammenhang mit der Mehrkampf-DM übersehen (kein Entschuldigung, doch da hätte eine stringente Trennung hingehört!). Als Alleinunterhalter in der M85 stellte Waldemar Villhauer (*1985) von der SG Karlsruhe mit 14,64m einen fulminanten neuen deutschen Rekord auf, steigerte die fünf Jahre alte Bestmarke (13,30m) von Heinz Brandt um 1,34m. Davon ausgehend sind es ziemlich genau gewaltige zehn Prozent. Alle Achtung mit einem Hoch davor!

Trotz Minifeldern zumeist gewaltig abstürzende Bandbreite

Naturgemäß sind die Teilnehmerzahlen in der Spitze der Alterspyramide dünner. Aber alles in allem betrachtet war das Interesse, wie von uns schon vorher erwartet, an diesem Solo für den Gewichtwurf sehr dürftig, das Niveau durch die Bank gesehen äußerst bescheiden bis unterirdisch. In neun der insgesamt 21 Klassen (zwölf männlich, neun weiblich) musste lediglich die Farbe der Medaille ausgekegelt werden. Nirgendwo gab es eine Selektion nach dem Vorkampf. Meisterschaftsflair sieht deutlich anders aus! Trotz der weit überwiegenden Minifelder war die Bandbreite vom ersten bis zum letzten Platz gewaltig. Schlicht der Tatsache geschuldet, dass es (wohlweislich) keine Normen gab, die das Meldeergebnis von 81 Startwilligen halbiert hätte.

Muss es für die Spaßfraktion gleich eine Meisterschaft sein?

Natürlich soll jede/r aus Spaß an der Freud‘ Leichtathletik betreiben. Aber muss es gleich eine Deutsche Meisterschaft sein, wenn auch nur bei den Senioren/innen? Das bringt die um Reputation kämpfende Ü30- respektive Ü35-Generation in der öffentlichen Wahrnehmung und der „Wertschätzung“ beim eigenen Verband zusätzlich in Verruf. Bei Letzterem wird der Rotstift weiter kreisen. Jede Wette! Fast ist man geneigt in dieser Art Vorführung (vermeiden wir das Wort Hinrichtung) Absicht für künftige regide Maßnahmen zu unterstellen.

Alle 33 gemeldeten Seniorinnen sind gestartet
  
Halten wir vor unserem Gesamtüberblick nach Zahlen noch positiv fest, dass alle 33 gemeldeten mehr oder weniger fortgeschrittenen Mädels auch in den Ring gegangen sind und ihr Startgeld abgearbeitet haben. Bei der vermeintlichen Krone der Schöpfung waren es 41 von 48 oder eine Ausfallquote von 8,54 Prozent, die größte in der M65 (4 von 7). Erfreulich, dass auch bei all jenen, die ihr Handwerkszeug offensichtlich nicht beherrschten, niemand verletzt hat. Oder ist das bei diesen allzu pauschalen Lobhudeleien schlechterdings unterschlagen worden? Lampis war nicht vor Ort. Der Aufwand wäre bei absehbar überwiegender Schmalkost und der dürren Besetzung schlicht zu groß gewesen.
Senioren, M35: Gemeldet 2, gestartet 2, Bandbreite 11,31 bis 11,08m; M40: 6/6, 13,27 bis 8,79m; M45: 1/1, 8,45m; M50: 5/5, 19,76 bis 11,79m; M55: 4/4, 15,86 bis 9,49m, M60; 5/4, 17,58 bis 13,58m; M65: 7/4, 17,78 bis 12,86m; M70: 6/5, 17,51 bis 14,11m; M75: 6/4, 15,16 bis 7,37m; M80: 4/4, 13,09 bis 8,77m; M85: 1/1, 14,64m; M90: 1/1, 7,42m.
Seniorinnen, W35: 2/2, 13,77 bis 9,46m; W40: 4/4 12,32m bis 9,09m; W45: 3/3, 13,29 bis 8,45m; W50: 6/6, 13,09 bis 9,71m; W55: 7/7, 16,05 bis 6,91m; W60: 3/3, 13,49 bis 10,04m; W65: 4/4, 11,85 bis 8,25m; W70: 2/2, 14,19 bis 10,07m; W75: 2/2, 11,74 bis 8,36m.