World Athletics als Verschlimmbesserer und Kaputtreformierer a la DLV

Glosse

Neben der Spur

(Stockholm/Monte Carlo/Krefeld, 26. August 2020)
Leichtathletik als Glücksspiel und – freilich nicht allzu schwere – Rechenaufgabe. Kein Witz! So geschehen und gesehen beim unter dem Patronat des internationalen Dachverbandes World Athletics (WA, zuvor IAAF) mit Feudalsitz in Monte Carlo im Fürstentum Monaco stehenden Meeting der Diamond League vorigen Sonntag im schwedischen Stockholm. Wie der Arbeitstitel bereits verheißt, ist es außerhalb von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen das höchste der Gefühle was die große glitzernde Welt der Leichtathletik an Glanz, Glamour und Sp(r)itzensport zu bieten hat. So weit, so gut. Noch!

Ein Blick in die Ergebnisliste lässt Staunen und Verwunderung zurück

Doch ein Blick in die Ergebnisliste (Long Jump Men > Result > Attempts anklicken) im Weitsprung der Männer lässt den (bislang) sach- und fachkundigen Betrachter basserstaunt zurück. Der WM-Dritte Ruswahl Samaai aus Südafrika wird mit 8,09m als Sieger vor dem Schweden Thobias Montler ausgewiesen, der jedoch mit gemessenen und verbrieften 8,13m nach Adam Riese oder Schürmanns Rechenbuch vier Zentimeter weiter gesprungen ist. Nun kommt jedoch die neue Arithmetik der Verschlimmbesserer und Kaputtreformierer der WA (haben die Frank O.Hamm vom DLV ausgeliehen?) ins unselige Spiel. Nach fünf Versuchen trat die Regel „Best of Three“ in Kraft, wobei aus dem Achterfeld lediglich die bis dahin besten drei Protagonisten das
Finale furioso" bestreiten durften.

Beim Rest vom Fest gewinnt der mit dem besten letzten Versuch

Das ist noch einigermaßen nachvollziehbar, komprimiert das Gesamtkunstwerk, macht es griffiger und übersichtlicher für den momentan nicht vorhandenen Zuschauer und das interessierte Fernsehvolk im Pantoffelkino. Obwohl der Bildregisseur (die oftmals so viel Kenntnis von der Leichtathletik haben wie die Kuh vom Sonntag) garantiert nicht durchgängig und unablässig den Weitsprung ins zu empfangende Bild auf der Mattscheibe setzen wird. Hinzu kommen verschiedenartige Interessen der angeschlossenen Sender aus aller Herren Länder.

Noch schlimmer geht immer

Aber es kommt ja noch viel schlimmer. Von diesem Rest vom Fest gewinnt derjenige den Wettbewerb und neben der Ehre nicht zuletzt das erkleckliche Preisgeld, der in diesem einen Versuch die größere Weite erzielt. Das war Samaai mit 8,09 vor Montler mit 8,06m, der sich folglich seine gleich zweimal gesprungenen 8,13m sonst wo hinschmieren oder sauer kochen konnte. Der Drittplatzierte Finne Kristian Pulli (8,02m) fabrizierte einen ungültigen Versuch. Das könnte zugleich eine weitere Ungerechtigkeit dieses hirntoten Verfahrens offenbaren: Unterschiedliche, womöglich stark wechselnde Windverhältnisse von Schiebe- auf Gegenwind.
Treiben wir es auf die Spitze: Maleika Mihambo springt im fünften Versuch Weltrekord, wird aber nur Dritte, weil sie durch den verständlichen Spannungsabfall im finalen Durchgang eine
Fahrkarte" produziert. Noch Fragen?

„Sieger“ Samaai: „Dinge nicht reparieren, die gar nicht kaputt sind!“

Vorsorglich noch eine Antwort: Wie der Name Weitsprung schon höchst treffend aussagt, gewinnt derjenige, der den absolut weitesten Sprung in die Grube setzt. Ohne Wenn und Aber: Basta! Bewährtes muss nicht reformiert werden. Dies befand auch der unverhoffte Sieger Samaai, der den Weltverband aufforderte „Dinge nicht zu reparieren, die gar nicht kaputt sind!“.
Recht hat er, und danke dafür!