"Leuchtturm"-DM auf einem durch die Bank mäßigem Niveau

Kolumne

Moment mal

(Braunschweig/Krefeld, 10. August 2020)
Wer in die finale Ergebnisliste der „geisterhaften“, zuschauerlosen Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen in Braunschweig schaut oder die Übertragungen bei ARD (Sa.) und ZDF (So.) gesehen haben sollte, der wähnt sich eingedenk der Verlautbarungen der drei DLV-Spitzenfunktionäre auf der Verbandsnetzseite im falschen Film. Klarer Fall, dass sie notgedrungen und womöglich wider besseren Wissens ihrer vorgestanzten, allzu vollmundigen Linie (Gonschinska: „Leuchtturmprojekt“, Kessing: „Die Leichtathletik-Welt blickt nach Deutschland“) treu bleiben mussten. Auf das rein Organisatorische bezogen in diesen elendigen Zeiten der Corona-Krisenlage mag das ja sogar stimmen. Was sich indes aus der Fernsicht nicht beurteilen lässt. „Schweigen“ wir deshalb in dieser Hinsicht und hoffen, dass sich wirklich niemand bis hin zum Platzarbeiter infiziert hat.

Einige Lichtblicke durch nationale rosarote Brille betrachtet

Aber sonst, eben sportlich? Und darum ging es schließlich auch noch. Messen wir den DLV schlicht an seinen gebetsmühlenartig gepredigten Aussagen, dass bei internationalen Meisterschaften ein Finalplatz oder mindestens die Perspektive aufstrebender Athleten/innen das allein seligmachende Kriterium sei. Das ließe sich zum ersten Punkt an den Fingern einer Hand abzählen. Ja, es gab durch die rosarote nationale betrachtet auch einige Lichtblicke. Beispielsweise hagelte es im Finale über 400m der Frauen – bei bisher wenigen Wettkämpfen – ausnahmslos persönliche (5) oder saisonale Bestzeiten (3). Aber nicht nur, jedoch gerade hier laufen die Mädels aus „Germany“ im Weltkonzert der Musik gnadenlos hinterher.

Malaika Mihambo und Johannes Vetter zündeten die erhofften „Raketen“

Knallhart gesehen lassen sich Leistungen von Spitzenformat an den Fingern einer Hand abzählen. Das kapriziert sich am gestrigen Schlusstag auf zwei gezündete „Raketen“ beim mutmaßlichen Leuchtfeuerwerk. Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo hat mit Schmalspur-Training und verkürztem Anlauf bei einer Wind-Lotterie auf dem Laufsteg (erbärmlich von der Stadt Braunschweig, dass bei dem länger feststehenden Termin keine stationäre Weit- und Dreisprung-Anlage ins sanierte Stadion eingebaut wurde) bemerkenswerte 6,71m buchstäblich in den Sand gesetzt. Und Speerwerfer Johannes Vetter blieb auf dem „seifigen“, noch nicht ausgehärteten Anlauf mit vier blitzsauberen Würfen bei seiner im zweiten Durchgang erzielten Tagesbestweite von 87,36m lediglich einen halben Meter unter der Weltjahresbestleistung. Dieser Wettbewerb markierte jedoch im Gegenentwurf einen der vielen „Rohrkrepierer“. Eine respektable Weite für Zehnkämpfer, nicht allerdings für WM-König Niklas Kaul, von 70,84m wurde mit Bronze dekoriert. Sei fairerweise erwähnt, dass aus dem deutschen Spitzenquintett von Weltklasse Thomas Röhler, Bernhard Seifert und Julian Weber fehlten.

Kugelstoßer David Storl weiter auf dem Sinkflug

Ohne jetzt ins rahmensprengende Detail zu gehen, was schlussendlich jedem selber aktiven Leichtathleten zur eigenen Meinungsbildung anhand der Resultate überlassen bleibt, noch dies: Ein ehemaliger zweifacher Kugelstoß-Weltmeister (2011, 2013) befindet sich mit gerade mal 30 Jahren weiter auf dem Sinkflug. David Storl wollte nach seinem Zwischenstopp zum Aufgallop von 20,31m in Gotha (wir berichteten)  eigentlich seine verbesserungsbedürftige Jahresbestleistung (20,84m) aufpeppen. Unternehmen mit 20,17m und 2,03m unter seinem fünf Jahre alten „Hausrekord“ von 22,20m krachend gescheitert. Das bricht einem das Kugelstoßer-Herz, der „Storli“ als 19-Jährigen 2009 bei „Fliegende Kugeln im Advent“ in Rochlitz mit der 7,26-kg-Kugel beim Sieg über den etablierten Ralf Bartels hat 20,48m stoßen sehen.

DLV betreibt bei Replik Rosinenpickerei

Der anders als Siggi Heinrich von EUROSPORT bislang nicht als sonderlich kritikfreudig aufgefallene ZDF-Reporter Peter Leissl sprach sinngemäß von einem durchgängig gesehen mäßigen Niveau dieser Titelkämpfe. Selbst bei einer Replik im Schnellschuss kurz nach den Meisterschaften wäre der DLV gut beraten gewesen, sich nicht nur die Rosinen herauszupicken, sondern das große Ganze im Auge zu haben. Aber das ist beileibe keine neue Erkenntnis, dass hin bis zur Volksverdummung schöngeredet wird bis die Schwarte kracht.
Schließen wir augenzwinkernd mit einem verhohnepiepelnden Vorschlag eines höchst prominenten Lampis-Lesers, der namentlich nicht genannt werden möchte: Der DLV sollte unter Erhalt des Kürzels beim Vereinsregister des Amtsgerichtes Darmstadt die Namensänderung in „Deutscher Leuchtturm-Verband“ nebst Untertitel „Mit weltweiter Strahlkraft“ beantragen.
Hinweis auf einen weiteren Beitrag zur DM im Fenster Flurfunk!