Kessing: "Ganze Leichtathletik-Welt schaut nach Braunschweig"

Kommentar

Unter uns gesagt

(Braunschweig/Krefeld, 08. August 2020)
Dann sind wir alle miteinander als wahre Leute vom Fach mal bannig gespannt auf die zuschauerfreien Geister-Festspiele bei den Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen an diesem zumindest sommerlich heißen Samstag/Sonntag in Braunschweig. Der mit eigener schön geredeter Doping-Vergangenheit gerne und oft Sprüche klopfende DLV-Generaldirektor Cheik-Idriss Gonschinska (siehe interpool.tv und wikipedia) verspricht den staunenden Interessenten ein „Leuchtturmprojekt“. Noch einen drauf setzt der gelegentlich ins rhetorische Fettnäpfchen tretende Präsident Jürgen Kessing (siehe Bild) mit der Ahnung von Flasche leer (das soll jetzt keine Anspielung auf seine Alkoholfahrt sein). Der Oberbiedermeister oder so ähnlich von Bietigheim-Bissingen prognostizierte allzu vollmundig auf einer virtuellen Pressekonferenz (wer wollte die außer dem eigenen Referat Medien überhaupt sehen?) allzu vollmundig: „Die ganze Leichtathletik-Welt wird am Wochenende nach Braunschweig schauen.“

Eine schamlose Übertreibung und Fehleinschätzung dazu

Aha und ach so! Geht’s auch ein paar Nummern kleiner?
Behielte er recht, was in vielerlei Hinsicht füglich bezweifelt werden darf, würden sich jedenfalls die zeitweise übertragenden Öffentlich-Rechtlichen Fernsehanstalten von ARD (heute von 17:10 bis 19:55 Uhr) und ZDF (morgen 17:10 bis 18:55 Uhr) riesig freuen, sich gegenseitig auf die Schenkel und Schultern klopfen. Denn deren Einschaltquoten bei ohnehin weniger gewordenen Ausstrahlungen von Sportveranstaltungen (obendrein dem Wegfall an sich fixer Sendeformate) sind in Zeiten wie diesen der Corona-Apokalypse rasant in den Keller gestürzt. Bei der Kult-Sendung ARD-Sportschau am frühen Samstagabend hat sich selbst bei Wiederaufnahme der „Geisterspiele“ in der Fußball-Bundesliga die Zuschauerzahl von knapp sechs auf drei Millionen halbiert. Noch Fragen? Wie soll das erst bei der mit ihren vielen Skandalen zur Randsportart verkommenen Leichtathletik aussehen?! Aber halt: Da schaut ja angeblich die ganze weite Welt zu. Als ob es gerade rund um den Globus bei den vielen Brennpunkten und Katastrophen, nicht nur mit der neuen Geißel der Menschheit, nichts Wichtigeres zu tun geben würde, als sich noch schnell eine Satelliten-Schüssel anzuschaffen, um ARD und ZDF empfangen zu können.

Einmal mehr zweierlei Maß und Gleichheitsgrundsatz missachtet

Unsererseits halten wir es eher mit dem Spruch von Loriot alias Vicco von Bülow, Gott oder wer auch immer hab‘ ihn selig, „Früher war mehr Lametta!“ Das gilt nicht nur für den Schmuck am Weihnachtsbaum, das ist letztlich auf alles und jedes übertragbar. Was diese DM unter zugegeben besonderen Voraussetzungen angeht, wird der DLV seinem höchst unrühmlichen Markenzeichen mit zweierlei Maß zu messen und den Gleichheitsgrundsatz in Artikel 3 des Grundgesetz nonchalant mit Füßen zu treten gerecht. Auch ein schlechter Ruf verpflichtet. Und wer sind die Leidtragenden? Ja, genau, die Fraktion von Stoß und Wurf!
Entgegen der Erfüllung der DM-Norm und anderer Wettbewerbe (zum Beispiel beim notleidenden Männer-Sprint 25) sind maximal zehn Starter/innen bei Kugel, Diskus, Speer und Hammer zugelassen (siehe Meldeliste). Dazu wurden die Startzeiten „taktisch geschickt“ so festgelegt, dass diese Konkurrenzen in fünf von acht Fällen außerhalb der Live-Übertragung liegen. Machen wir uns kein X für ein U vor: Das ist in den Sprung-Wettbewerben Hoch, Stab, Weit und Drei der Frauen mit auch nur je zehn Vorqualifizierte schlicht der Tatsache geschuldet, dass die Breite in der Spitze nicht mehr hergibt und die zehnköpfigen Felder noch übertrieben sind. Pausenfüller für die dünne Elite, mehr nicht.
Stichwort Lametta. Und ansonsten gilt eingedenk der sonstigen Vorzeichen wohl die Devise bei den bunten bewegten Bildern und den vermutlich lausigen Kommentaren im Pantoffelkino wieder einmal gehörig schwarz ärgern.