Verbannung russischer Masters aus vielerlei Gründen nicht haltbar

Kommentar

Nebenbei bemerkt

(Beaverton/Oregon, Monte Carlo, Krefeld, 26. Oktober 2019) Vor einigen Jahren startete das amerikanische Sportartikel-Unternehmen NIKE ein ehrgeiziges Programm: Das NIKE Oregon Project (NOP). Es war ein Maßnahmenkatalog, der unter ‚besonderen‘ Bedingungen Läufer zu optimalen Leistungen bringen sollte. Der geistige Vater dieses von NIKE finanzierten Projekts war Alberto Salazar, einst selbst erfolgreicher Langstreckenläufer der USA. Unter seiner Leitung trainierten unter anderem Mo Farah (GBR), Galen Rupp (USA) oder auch Sifan Hassan (NED) und sammelten Medaillen und Rekorde. Bei den jüngsten Weltmeisterschaften der IAAF in Doha (Katar) wurde Alberto Salazar für vier Jahre gesperrt, das NOP wurde unmittelbar danach von NIKE beendet.


Trotz massiver Vergehen „lediglich“ zwei Sperren ausgesprochen

Die Doping-Anschuldigungen waren zu massiv, und zu viele Kronzeugen bestätigten die Ermittlungen. Auch der NOP-Arzt Jeffrey Brown wurde für vier Jahre gesperrt. Das war es denn auch. Keine Kollektivstrafen, keine Sperren für Athleten, keine Sanktionen gegen NIKE oder den nationalen Verband, obwohl es Kronzeugen gibt, die den Wahrheitsgehalt zu den Dopinghandlungen bestätigen können. Insgesamt gab es NUR zwei zeitlich begrenzte Sperren. Mehr nicht!

Konsequenteres Handeln der IAAF bis hin zur ungerechten Sippenhaftung

Wesentlich konsequenter handelte der Leichtathletik-Weltverband IAAF mit Sitz in Monte Carlo vor Jahren, als systematisches Doping in Russland nachgewiesen wurde. Athleten wie auch Offizielle sind ohne Zeitangaben gesperrt worden. Auch der nationale Verband wurde gesperrt. Später lockerte die IAAF die Sanktionen, und Athleten konnten unter neutraler Flagge (ANA = Authorized Neutral Athlete) starten. Zurück blieb bei den Sanktionen aber eine große Anzahl international startwilliger, meist leistungsstarker Masters-Athleten, die überhaupt keine Chance haben, ihre Sauberkeit nachzuweisen.
Damit begann ein Kapitel von Ungerechtigkeit und Unfairness. Warum wurden die Senioren in Sippenhaftung genommen? Was haben die Seniorenverbände World Masters Athletics (WMA) und European Masters Athletics (WMA) dagegen unternommen? Im Juni 2018 (!) hat der russische Mastersverband den EMA-Präsidenten Kurt Kaschke als regional zuständigen kontinentalen Vertreter angeschrieben. Keine Reaktion!

WMA und EMA verharren in verantwortungsloser Untätigkeit

Ist der europäische Senioren-Verband nicht verpflichtet Klarheit zu schaffen und zumindest dem russischen Mastersverband zu antworten? Was hat die EMA (und auch die WMA) getan, um den russischen Masters, die in keinem Kontrollpool der Welt sind, zu helfen? Nicht einmal eine Antwort bekamen die Russen; das ist verantwortungslos und zynisch den Athleten gegenüber, die sie gewählt und ihnen ihr Vertrauen geschenkt haben.

Momentan starten in der Leichtathletik nur ausgelesene Sportler aus Russland. Ironischerweise vermutet die interessierte Sportwelt, dass deren Starts nur möglich geworden sind, weil diese russischen Athleten uniforme NIKE-Ausrüstung tragen. Dass es bei den innerhalb der Leichtathletik-Verbände in Sippenhaftung genommenen russischen Masters auch anders geht, haben unter Flagge der Internationalen Masters Games Association (IMGA) erst unlängst die European Masters Games (EMG) im italienischen Turin bewiesen. Da durften sie starten und 96 von ihnen haben es dankend wahrgenommen (wir berichteten).
Daran sollten sich IAAF, WMA und EMA im Sinne willkürlich ausgegrenzter Sportler der Ü35-Generation mal ein leuchtendes Beispiel nehmen und die Verbannung schleunigst aufheben.