Ein ziemlich gebrauchter Tag der deutschen Leichtathleten bei der WM

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(Doha/Krefeld, 05. Oktober 2019) Ein beinahe durchgängig gebrauchter Tag für die 15 deutschen Leichtathleten gestern bei den Weltmeisterschaften in Doha. Selbst wenn die Messlatte da angelegt wird, wo sie bei realistischer (fast hätte ich realsatirischer geschrieben) Herangehensweise hingehört: Ziemlich weit unten. Normalerweise müsste der Mantel des Stillschweigens und der Nächstenliebe darüber gelegt werden. Ein zusätzliches Ärgernis ist, mit welcher Selbstzufriedenheit als völlig falschem Signal hinterher bei den Kurz-Interviews in der Mixed-Zone (diesmal stand dort Norbert König vom ZDF) zumeist alles schöngeredet wird.
Wenn Wortführerin Gina Lückenkemper doch nur so schnell rennen könnte wie sie spricht. Der frühe Ruhm ist ihr allem Anschein nach zu Kopf gestiegen statt in die Beine zu schießen. Mit gaaanz viel Dusel aufgrund von drei Ausfällen erreichte die 4x100-m-Staffel der Frauen (Kwayie, Kwadwo, Wessoly, Lückenkemper) über die Zeitschnellsten-Regelung als Gesamt-Siebte aus zwei Vorläufen in 42,82 Sekunden (Weltranglisten-Erste mit 41,67) das Finale. Klar, Tatjana Pinto fehlte aus der Stammbesetzung. Aber in ihrer momentanen Verfassung wäre sie auch keine Verstärkung gewesen.

Blutleerer Auftritt der drei Diskuswerferinnen aus GER…

Der DLV-Troika im Diskuswurf der Frauen schien vor dem Finale versehentlich ein Schlafmittel verabreicht worden zu sein. Dass sie mit der Medaillen-Vergabe von vornherein nichts zu tun hatten, lag auf der Hand, nahm ihnen eigentlich jeden Druck. Was dabei herauskam war ein durchweg blutleerer Auftritt, nicht wieder zu erkennen nach den Leistungen der Qualifikation, ganz zu schweigen von ihren Jahresbestweiten. Nadine Müller schubste bei ihrer siebten WM-Teilnahme Claudine Vita (60,77m) mit 60,88m noch so gerade aus dem Feld der acht verbleibenden Athletinnen für weitere drei Versuche „im großen Finale“. Ein Befreiungsschlag war das nicht. Die 33-Jährige mit der Riesenspannweite verbesserte sich lediglich auf 61,55m und blieb Achte. Bezeichnend: Bei einem Versuch von ihr stürzte die 1-Kilo-Scheibe hochkant im Rasen ab. Sie war, na, was wohl (?), trotzdem mit Platz und Weite zufrieden. Der vierte Rang nach dem unantastbaren Edelmetall-Terzett war schon für vergleichsweise bescheidene 63,38m zu haben. Kleinhirn an Großhirn: Ärgern! Kommt indes bei weichgespülten Germanen/innen eher nicht vor. Halt: Kristin Pudenz weinte bitterliche Tränen nach ihrer blamablen Vorstellung.

… herzerfrischend dagegen Mittelstreckler Amos Bartelsmeyer

Ausdrücklich von der Manöverkritik auszunehmen ist Mittelstreckler Amos Bartelsmeyer. Der hatte im Prinzip nicht den Hauch einer Chance gegen die Übermacht aus Afrika und sonst wo her. Doch die versuchte er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (PBS 3:36,29 min.) im 1.500-m-Halbfinale wahrzunehmen. Lediglich knapp 22 Stunden nach seinem couragierten Vorlauf als direktqualifzierter Sechster (3:37,80) lief er in 3:37,74 sechs Hundertstel schneller. Das reichte zwar als Gesamt-20. bei Weitem nicht für den Endlauf. Aber der für die LG Eintracht Frankfurt startende 25-jährige Deutsch-Amerikaner ist mit Anstand ausgeschieden und konnte die sportliche Bühne der knallharten Kunststoffbahn hoch erhobenen Hauptes verlassen. Doch der hat sich mit seinem „American Spirit“ vermutlich geärgert, dass er nicht zumindest persönliche Bestzeit  (PBS) gelaufen ist.

Christopher Linke Vierter im 20 Kilometer Gehen

Au weia, hätte ich doch fast die zu später Abendstunde (Orstzeit 23:30 Uhr) in den heutigen Morgen hineingehenden Männer über 20 Kilometer übersehen. Unter 52 antretenden Akteuren erreichte Christopher Linke 19 Sekunden an Bronze vorbei in 1:27,19 Stunden einen beachtlichen vierten Platz. Hagen Pohle wurde in 1:32,20 Siebzehnter und Nils Brembach (alle SC Potsdam) stieg irgendwann unterwegs aus. Außer ihm sahen elf weitere Geher nicht das Ziel. 
Heute sind die vom Papier her größten deutschen Hoffnungsträger mit den Qualifikationen im Speerwurf der Männer (Andreas Hofmann, Thomas Röhler, Julian Weber und Titelverteidiger Johannes Vetter) und Weitsprung der Frauen mit der Weltranglisten-Ersten Milaika Mahambo von der LG Kurzpfalz an der Reihe. Viel vor hat Konstanze Klosterhalfen (TSV Bayer 04 Leverkusen), die im 5.000-m-Endlauf nicht weniger als ihren schon hochkarätigen deutschen Rekord von 14:26,76 Minuten (Vierte der Weltrangliste 2019) verbessern will. Das ist doch mal 'ne Ansage!
Weitere Resultate: Männer, 4x100-m-Vorläufe: 12. (7. im 2.VL) Deutschland (Reus, Hartmann, Schmidt, Schulte) 38,24 Sekunden (Saisonbestzeit).
Frauen, Diskus: 8. Nadine Müller (SV Halle) 61,55m (Quali 62,93, Saisonbestweite 64,52), 9. Claudine Vita (SC Neubrandenburg) 60,77m (62,31/66,64), 11. Kristin Pudenz (SC Potsdam) 57.69m (63,35/64,37).
Alle Zahlen – Daten – Fakten unter www.iaaf.org.