Märchenhaft: Niklas Kaul mit 21 Jahren jüngster Zehnkampf-Weltmeister

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(Doha//Krefeld, 04. Oktober 2019) Na, das war gestern passend zum „Tag der Deutschen Einheit“ in einem ost- und westdeutschen Schulterschluss ein Medaillen-Pakt bei den Weltmeisterschaften in Katar im wüsten Wüstenstaat Katar. Kugelstoßerin Christina Schwanitz aus Dresden gewann zunächst mit 19,17m in einem packenden Duell mit der US-Amerikanerin Maggie Ewen (18,93m) Bronze. Aber dann! Dank einer irren Aufholjagd ab dem Diskuswurf mit Disziplin-Erfolg und persönlicher Bestleistung von 49,20m katapultierte sich Niklas Kaul aus Mainz im Zehnkampf mit 8.691 Punkten an die Spitze und setzte sich symbolisch die Krone unter lauter „Königen der Athleten“ auf. Dabei schrieb der erst 21-jährige Pfälzer ein Stück Geschichte als jüngster Weltmeister in diesem größten Vielseitigkeitswettbewerb der Leichtathletik und neben dem Triathlon überhaupt härtesten, anspruchsvollsten im Hochleistungssport.

Zehnkampf erstmals am dritten Tag entschieden

Und noch ein Novum, an dem er allerdings nicht allein beteiligt war in dieser alles in allem höchst denkwürdigen, ausgesprochen turbulent verlaufenen Konkurrenz mit kleinen „Dramen“. Normalerweise ist der Zehnkampf ein Zwei-Tage-Werk. Doch dieser ging meiner historischen Kenntnis nach als erster bei einer internationalen Meisterschaft über drei Tage. Obschon nur sehr knapp. Denn der abschließende 1.500-m-Lauf wurde Ortszeit, und allein darum geht es, kurz nach Mitternacht heute um 0.32 Uhr gestartet. Einen haben wir noch für die deutschen Geschichtsbücher in der vermeintlich herrlichsten Nebensache der Welt: Kaul ist nach Torsten Voss (damals noch DDR, später mein Klubkamerad beim SC Bayer 05 Uerdingen) 1987 in Rom und endlos langen 32 Jahre danach der zweite Weltmeister aus Deutschland im Zehnkampf der Männer. Sei noch angemerkt, dass der seinerzeitige Schweriner mit einer ganz ähnlichen Gesamtleistung von 8.680 Punkten vor dem wie Kaul für den USC Mainz startenden Siegfried Wentz (8.461) gewann. „Siggi“ hält jedoch weiterhin den hochkarätigen Klub-Rekord mit 8.762 Punkten. Noch.

Karten wurden nach dem Ausfall von Kevin Mayer neu gemischt

Es war der ganz normale Wahnsinn, der sich ab Mittwoch 16.35 Uhr Lokalzeit bei dem von 23 Athleten aufgenommenen Mehrkampf-Spektakel abspielte. Lediglich 19 sollten in die Wertung gelangen. Allerdings davon noch mal drei mit einem amputierten Ergebnis durch irgendeinen Ausfall. Darunter leider auch Kai Kazimirek von der LG Rhein-Wied, der über 110m Hürden durch einen Stolperer nicht die Lichtschranke sah, jedoch tapfer und nahezu unverdrossen weitermachte. Als dann der haushohe Favorit und Weltrekordhalter Kevin Mayer aus Frankreich verletzungsbedingt beim Stabhochsprung passen musste, wurden die Karten um den Titel und die Medaillen völlig neu gemischt. Das beste Blatt hatte nun plötzlich der Jungspund vom USC Mainz.

Schaulaufen über 1.500m nach Platz 20 über 100 Meter zum Titel

ARD-Experte Frank Busemann, immer noch der Sonnyboy seines Olympia-Silbers von 1996 in Atlanta mit 8.706 Punkten (übrigens da ebenfalls 21 Jahre jung), prognostizierte seinem „Kronprinz“ nach dem Stabhochsprung (PBL 5,00m) bereits den Titel. Da hatte er als Sechster mit 6.822 Punkten noch einen gehörigen Rückstand auf das dicht gedrängte Spitzen-Quartett (7.097, 7.095, 7.073 und noch mal 7.073). Doch Busemann weiß eben um die Stärken und Schwächen der Elite. Und bei Kaul kam ja noch seine Königsdisziplin Speerwurf, in der er mit 79,05m einen neuen Weltrekord innerhalb des Zehnkampfes aufstellte, den er nicht mit der Becker-Faust, sondern dem Vettel-Finger quittierte. Nun war er schon Dritter (7.850) mit Tuchfühlung zum Esten Maicel Uibo (7.869) und Kanadier Damian Warner (7.854). Ein Klacks bei seinem bekannten Vermögen über die für die meisten ungeliebten dreidreiviertel Stadionrunden. Für den Mainzer sollte es ein Schaulaufen zum Titel werden. Auch hier war er in 4:15,70 Minuten der Primus. Eine unvergleichliche Aufholjagd von Platz 20 nach dem einleitenden 100-m-Sprint auf eins. Sagen- und märchenhaft!
Alle Zeiten, Höhen, Weiten und Punkte unter diesem Link.

Doppel-Mama Christina Schwanitz mit Dreifachbelastung zu Bronze
 
Erinnern wir uns der Worte von „Christkind“ Christina Schwanitz (*24.12.1985) nach mit 18,52m knapp überbotener Weite für die Direkt-Qualifikation von 18,40m: „Ein Pferd springt auch nur so hoch, wie es muss.“ Als es darauf ankam konnte die dreifachbelastete Mutter von zweijährigen Zwillingen, Studentin und Hochleistungssportlerin höher respektive weiter. Obwohl sie als Zwölfte und mithin Letzte der Startabfolge mit 18,61m sehr schwer in den Wettkampf fand, wie sie selber in der ARD aussagte, steigerte sie sich zu einem dramaturgisch wichtigen Zeitpunkt im fünften Durchgang auf 19,17 und Rang drei. Denn danach wird die Reihenfolge umgekehrt zur Platzierung neu eingeordnet. Sie hätte also im Falles eines Falles den Nachstoß um zu kontern, natürlich auch noch nach vorne anzugreifen. Beides trat nicht ein. Der Lohn war der mit ein paar Tränchen getränkte Bronzeplatz, der für die Weltmeisterin von 2015 eingedenk der genannten Vorzeichen goldenen Glanz hat. Den kompletten „Spielfilm“ mit Namen und  Zahlen gibt es hier.
Nicht zu vergessen, dass der Deutsch-Amerikaner Amos Bartelsmeyer von der LG Eintracht Frankfurt mit einem sehr couragierten Rennen als Sechster des ersten Vorlaufes über 1.500 Meter in 3:37,80 Minuten ins Halbfinale einzog.