Zwei Topleistungen haben beim DLV Sicht auf die Realität verstellt

  • Drucken

Kolumne

Moment mal

(Berlin/Krefeld, 0
6. August 2019) Es kam, wie es kommen musste und gestern in unserem Kommentar prognostiziert worden ist: Auf der Netzseite des DLV wurde ob dieser tollen Deutschen Meisterschaften der U20-Generation in Berlin gelobhudelt, dass die Schwarte krachte und sich die Verantwortlichen des Verbandes symbolisch gegenseitig auf die Schulter klopften. In einer Zwischenüberschrift heißt es vollmundig „Auf einem guten Weg nach Doha“, die nächste Textzeile fabuliert von einer positiven Gesamtbilanz. „Es sind noch ein paar Wochen bis zur WM. Aktuell aber sind wir auf einem guten Weg“, wird Chef-Bundestrainer Alexander Stolpe zitiert. Für DLV-Generaldirektor Sport, Cheik-Idriss Gonschinska, waren die Highlights die Jahresweltbestleistung im Weitsprung von 7,16 Meter durch Malaika Mihambo und der deutsche Rekord von Konstanze Klosterhalfen über 5000 Meter. Dem ist nicht zu widersprechen.

Positive Gesamtbilanz zu ziehen, ist eine gewagte These

Aber ansonsten? Da halten wir es lieber mit einer an Tatsachen, eben der Fakten von Zeiten, Höhen und Weiten, orientierten Nachbetrachtung. Die beiden wahrlich außergewöhnlichen Spitzenleistungen müssen wir nicht wiederholen. Beim Speerwurf der Männer und Frauen gibt es sicherlich sehr gute Endkampfchancen. Ebenso im Kugelstoßen der Frauen und über 3.000m Hindernis der Frauen. Das war es bei realistischer Herangehensweise aber auch schon. Wie man sehr gut anhand der Leistungen der Sieger von Berlin in der Gegenüberstellung mit der Platzierung in der IAAF-Weltrangliste sehen kann, ist da im Hinblick auf die genannten, sehr späten und umstrittenen Leichtathletik-Weltmeisterschaften vom 28.September bis 06.Oktober 2019 in der Hauptstadt von Katar am Persischen Golf kaum Potential vorhanden, um überhaupt in ein Finale zu gelangen.
Außer den beiden Topleistungen ist es schon eine ausgesprochen gewagte These eine „positive Gesamtbilanz“ zu konstatieren.

Die Weltklasse lässt aus weiter Ferne schön grüßen

In vielen Disziplinen ist man meilenweit weg von der Weltklasse entfernt. Die Siegerzeit bei den Frauen über 400m war langsamer als die diesjährige Weltjahresbestleistung über 400m Hürden. Im Stabhochsprung der Frauen blieben mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen deutlich unter der nicht sehr anspruchsvollen WM-Norm von 4,20m. Trotz namhafter Athleten genügten der Hochsprung Männer und Frauen sowie der Dreisprung Männer keinen internationalen Ansprüchen. Das ließe sich beliebig fortsetzen. Bezeichnend, dass in der einstigen Paradedisziplin 110m Hürden der 41-jährige M40-Senior Jan Schindzielorz mit 14,32 Sekunden in den Endlauf kommen konnte. Fraglos schön für ihn, allerdings ein Armutszeugnis für die Konkurrenz.
Doch lassen wir im Weiteren knallharte Zahlen allein nur der jeweiligen Siegerleistung der DM im Vergleich zur aktuellen Weltranglisten-Platzierung (in Klammern) sprechen.
Männer: 100m 10,27 (193), 200m 20,63 (136), 400m 45,86 (108), 800m 1:47,22 (149), 1.500m 3:56,34 (etwa 3.050), 5.000m 14:01,69 (696), 3.000m Hindernis 8:33,59 (98), 110m Hürden 13,68 (100), 400m Hürden 49,32 (30), Hoch 2,22m (79), Stabhoch 5,76m (16), Weit 8,05m (42), Drei 16,50m (76), Kugel 20,26m (60), Diskus 65,39m (21), Hammer 73,00m (72), Speer 87,07m (6),
Frauen: 100m 11,09 (22), 200m 22,65 (24), 400m 52,37 (113), 800m 2:01,37 (56), 1.500m 4:08,91 (79), 5.000m 14:26,76 (4), 3.000m Hindernis 9:28,45 (18), 100m Hürden 12,90 (41,) 400m Hürden 55,64 (28), Hoch 1,90m (38), Stab 4,60m (22), Weit 7,16m (1), Drei 14,26m (24), Kugel 18,84m (8), Diskus 64,37m (11), Hammer 67,57m (61), Speer 65,33m (7).

Realistisch gesehen droht ein sehr kleines WM-Aufgebot

Das ist jetzt natürlich ein bisschen gemein. Manch „erfolgreiche“ Athleten/innen haben schon bessere saisonale Leistungen geboten. Aber zum nationalen Höhepunkt, zugleich Nominierungskriterium, darf gleichwohl von den vermeintlichen Assen mehr erwartet werden als das durchweg Dargebotene. Doch: Wenn weiterhin die einstmals ausgerufene Prämisse Endkampf/-lauf-Chance gilt, hat dies ein sehr kleines WM-Aufgebot zur Folge. Ein solch aufgeblasene Mannschaft von 125 Aktiven wie bei der letztjährigen Heim-EM in Berlin mit unter dem Strich unsäglich vielen Sporttouristen und einer Ausfallquote von nahe 32 Prozent wäre jedenfalls nicht zu verantworten. Übrigens wurde auch damals hinterher alles schöngeredet (siehe Link).