Eine höchst merkwürdige Auslegung internationalen Regelwerks

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Kommentar

Unter uns gesagt

(Berlin/Krefeld, 05. August 2019) Was lernen wir von und aus den Deutschen Meisterschaften der Männer/Frauen am vergangenen Wochenende im für diese Zwecke viel zu großen, lediglich zu einem Drittel gefüllten Berliner Olympiastadion?  Der veranstaltende Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) respektive das von ihm eingesetzte Kampfgericht hat für seine international gesehen notleidenden Sprinter kurzerhand die Fehlstartregel außer Kraft gesetzt. Im zweiten der Drittelfinals (Halbfinals ist eine sprachliche Verfehlung wenn es drei Läufe sind) gab es ungeahndet gleich derer drei. Und im Endlauf durfte Kevin Kranz vom Sprintteam Wetzlar nach einem krassen Fehlstart mit so gut wie keiner Reaktionszeit (bis 0,10 sec. sind erlaubt) abermals in die Blöcke und letztlich Zweiter werden. Ob er mit einer regelgebeugten Silbermedaille glücklich wird, muss er mit sich selber ausmachen. Aber was mögen seine Konkurrenten hinter ihm denken und fühlen, die ohne ihn allesamt einen Platz vorgerückt wären? Denn merke: Regeln sind dazu ersonnen worden, eingehalten zu werden. Und die sollten allen aktiv und passiv Beteiligten auch bekannt sein. Dass Kranz nicht freiwillig den Innenraum verlassen hat, ist aus seiner eingeschränkten Sicht indes nachvollziehbar.

Gießkannenprinzip: Wasch' mich, aber mach' mich nicht nass

Für die eh schon pulsierende Bundeshauptstadt mit ihren 3,6 Millionen Einwohnern und jede Menge Touristen waren die Finals in zehn Sportarten natürlich ein Riesenspektakel. Das live vor Ort zu erleben und mal hier oder da reinzuschauen hat sicherlich was. Aber taugt es auch als Fernseh-Format mit einer Sendezeit von 18.35 Stunden an zwei Tagen im Wechsel zwischen ARD und ZDF (siehe auch Spiegel online)? Die Frage mag und muss letztendlich jede/r für sich selber beantworten. Da ich jedoch aus eigener Anschauung weiß, dass man sich bis hin zur Entrüstung gerne an der Meinung anderer reibt, gebe ich ein bisschen von meinem Senf dazu. Obwohl ich während 30 Jahren als ehemaliger Allrounder mit ein paar Schwerpunkten (unter anderem Leichtathletik) in der lokalen Krefelder Sportredaktion der Rheinischen Post zwangsläufig breit aufgestellt sein musste, war es mir dennoch des Guten einfach zu viel. Da wurde nach dem Gießkannenprinzip
Wasch' mich, aber mach' mich nicht nass" verfahren. So richtig nass konnte ergo keiner dabei werden.

Live-Ergebnisse auf dem DLV-Portal tickten nicht sauber

Eingefleischte Fan
s wollen nicht noch neun andere, zum Teil - mit Verlaub - exotische Sportarten sehen. Klarer Fall, dass ich mich beispielsweise als bekennender Kugelstoßer hauptsächlich für die Leichtathletik und da wiederum bevorzugt für Stoß/Wurf interessiert habe. Schön, dass es noch über das Pantoffelkino hinaus die Live-Streams via Internet gab. Doch auch hier jeweils Fehlanzeige beim Hammerwurf der Männer und Frauen.
Und die äußerst zäh reintropfenden Live-Ergebnisse auf leichtathletik.de tickten aufgrund einer zu schmalen Maske maximal auch nur bis zum dritten oder vierten Versuch. Dafür bin ich zumindest gestern zeitweise voll auf meine Kosten gekommen. Mittels Bildschirm vom Festnetzrechner und Notebook konnte ich auf verschiedenen Live-Stream-Kanälen beim ZDF bei ausgeschaltetem Ton quasi Stereo mit dem linken Auge Kugelstoßen und dem rechten das lediglich fünf Minuten später beginnende Diskuswerfen der Frauen gucken.

Julia Ritter erhält den Ritterschlag von LAMPIS

Dabei glaubte ich meinem Sehwerkzeug nicht trauen zu können. Getreu dem Motto „Und täglich grüßt das Murmeltier“ tauchte im steten Wechsel Julia Ritter vom TV Wattenscheid in den verschieden großen Ringen auf. Sensationell, wie der Schützling von Trainer Miroslaw „Miro“ Jasinski das hinbekommen hat, sich parallel in zwei Wettbewerben vorzubereiten und drei Versuche lang jeweils im Laufschritt von einer Kampfrichterin begleitet am entgegen gesetzten Ende der Arena zu starten. Dazu noch in unterschiedlichen Techniken von Angleiten und Rotation. Ganz zu schweigen von den tollen Ergebnissen der 21-Jährigen als Vierte im Kugelstoßen mit zwei persönlichen Bestleistungen (17,42 und 17,63m) und Siebten im Diskuswurf (56,01m). Die jeweiligen Tagesbestweiten erzielte sie übrigens, als sie noch auf zwei Hochzeiten tanzte. Den Ritterschlag unseres Internetportals von, aber nicht nur für Senioren-Werfer/innen hat sie sich redlich verdient. Obendrauf noch: Tusch! Applaus! Chapeau!

Neben einigem Glanz gab es gaaanz viel Schatten

Ansonsten gab es neben einigem glänzenden Licht allzu viel Schatten. Insbesondere haperte es häufig an Breite in der Spitze. Müßig ins Detail zu gehen, da die Ergebnisliste viel bessere Aufschlüsse liefert. Die ist nun einmal unbestechlich. Derweil wird der DLV sich und uns was in die Tasche lügen wollen. Kopfschütteln müssen auch die Aussagen einiger Protagonisten/innen hervorrufen. Aber auch das bewerte unsere geschätzte Leserschaft für sich im stillen Kämmerlein oder beim allseits beliebten Nachkarten im Gespräch mit Sportkameraden.