Wer löst den gordischen Knoten einer nicht glasklar definierten Regel?

(Halle an der Saale/Krefeld, 07. März 2019) Wenn nicht wir, wer sonst kümmert sich um etwaige Ungereimtheiten, die für Diskussionsstoff gesorgt haben? Niemand! Unsere Kolumne „Senioren-DM: Ging beim Diskuswurf der M60 alles mit rechten Dingen zu?“ vom 05.Februar 2019 löste die erhofften Reaktionen aus. Das Spektrum der beiden theoretisch denkbaren Szenarien war mit Wiederholungscharakter breit gestreut. Getreu – im übertragenen Sinne – dem Motto: Frage zur selben Symptomatik drei Ärzte und du erhältst drei Meinungen. Aber bei einzigartigen Fakten kann es schlussendlich nur eine Lösung geben. Also wollten wir es genau(er) wissen, versuchten uns bei zwei Kampfrichter-Obleuten aus verschiedenen Landesverbänden schlau zu machen. Wieder ein unterschiedliches, gegensätzliches Ergebnis.

In Mittelfranken hätte es lediglich sieben Finalisten gegeben
 
Diese Thematik kam sogar auf der letzten Kampfrichtertagung in Mittelfranken zur Sprache, da es ziemlich genau diesen strittigen Fall von der DM zuvor bei einem dortigen Wettkampf gegeben hatte. Da wurden nach der diesbezüglichen Regel 180.6 der Internationalen Wettkampfregeln (IWR) mit folgender Begründung dergestalt entschieden:
Wenn jemand in einem mehr als achtköpfigen Teilnehmerfeld (hier insgesamt neun) die ersten drei Versuche ungültig hat, darf er nicht am Endkampf der besten acht Athleten teilnehmen selbst wenn der neunte Athlet lediglich einen ungültigen Versuch stehen hat und sich danach vom Wettbewerb abmeldet, Er hat aber ursprünglich am Wettkampf teilgenommen, wird schlussendlich ohne Platzierung in der Ergebnisliste aufgeführt. Folglich dürfen bei einer derartigen Sachlage nur sieben Aktive mit weiteren drei Versuchen am Endkampf teilnehmen.

Eine bestimmte Sachlage darf nicht dem Ermessensspielraum überlassen bleiben

Dazu gibt es jedoch die im Vorspann schon erwähnte andere Interpretation. Doch was ist nun richtig? Denn ein solch elementare Angelegenheit, die, wie in Halle/Saale, über eine berechtigte oder unberechtigte Bronzemedaille (Frank Hoffmann) entscheidet, und womöglich den Viertplatzierten (Norbert Hasselberg) benachteiligt, kann nicht dem Ermessensspielraum des vor Ort handelnden Kampfgerichts vorbehalten bleiben. Regeln sind zu beachten und umzusetzen. Schön, wenn sie auch glasklar und unmissverständlich definiert wären. Deshalb benennen wir sie im leicht, jedoch sinngemäß gekürzten Original-Wortlaut jener Wettkampf-Bibel, der IWR:
Regel 180.6
Bei allen technischen Wettbewerben, ausgenommen im Hoch- und Stabhochsprung, mit mehr als acht Teilnehmern, müssen jedem von ihnen zunächst drei Versuche gewährt werden, den acht Wettkämpfern mit den besten gültigen Leistungen stehen drei weitere Versuche zu. Im Fall des letzten Qualifikationsplatzes, wenn zwei oder mehr Athleten die gleiche beste Leistung haben, ist Regel 180.22 anzuwenden. Wenn sich dabei ein Gleichstand ergibt, sind den gleichstehenden Athleten drei weitere Versuche zu erlauben. Bei acht oder weniger Teilnehmern müssen jedem von ihnen sechs Versuche gewährt werden.
180.22
Haben Wettkämpfer in den technischen Wettbewerben, ausgenommen im Hoch- und Stabhochsprung, die gleich beste Leistung, entscheidet die zweitbeste Leistung darüber, ob ein Gleichstand vorliegt, falls notwendig die drittbeste Leistung usw. Wenn die Wettkämpfer nach Anwendung dieser Regel 180.22 weiter gleich sind, ist es als Gleichstand festzusetzen.

Nichts Genaues weiß man nicht

Was nun? Alles klar? Zweifel sind weiterhin angebracht. Denn es ist von besten gültigen Leistungen die Rede. Die gibt es jedoch bei ausnahmslos ungültigen Versuchen nicht. Und mal unterstellt, dass von neun Teilnehmern zwei von ihnen drei ungültige Versuche haben. Dürfen dann beide, mithin neun Athleten, am Finale teilnehmen?
Die Quintessenz von der Geschicht‘: Nichts Genaues weiß man nicht. Wiewohl lediglich eine Randnotiz: Selbst unsere drei recherchierenden Autoren sind sich nicht einig. Und wo ist der Regel-Papst, der diesen gordischen Knoten löst? Schließlich steht hier weiterhin im Raum, ob womöglich ein um Bronze Geprellter auf der Strecke bleibt.