Drehstoßer Tomas Stanek ließ es mit 22,17 Meter so richtig krachen

(Düsseldorf/Krefeld, 07. Februar 2018)  Live ist life. Nicht zuletzt wenn es um die herrlichste Nebensache der Welt geht: Sport eben. Eine noch so brillante Fernseh-Übertragung mit x-fachen Wiederholungen in Superzeitlupe kann das Erlebnis mittendrin, statt nur dabei zu sein nicht annähernd ersetzen. Denn die von in diesem Falle von 2.500 zumeist sach- und fachkundigen Zuschauern gestern Abend in der ausverkauften Leichtathletikhalle im Arena Sportpark in der selbst ernannten Sportstadt Düsseldorf (eine charmante Übertreibung!) erzeugte stimmungsvolle Atmosphäre lässt sich nun einmal nicht via Glotze ins Wohnzimmer transportieren. Es war das angepriesene Spektakel mit über den Globus verteilten Weltklassen-Athleten, das zu IAAF Indoor Tour zählende 13.PSD-Bank-Meeting. So nahm ich als kugelstoßender Sportjournalist des eigenen, unverzichtbaren Eindrucks wegen auf der Pressetribüne Platz und ließ mich genüsslich unterhalten. Das Ausmaß überstieg meine kühnsten Erwartungen, wie sogleich bei meinem Arbeitsnachweis deutlich wird.

Gleich ein Meeting-Rekord zum Auftakt
 
Was für ein Auftakt, mit dem diesmal wahrhaftig im Rampenlicht stehenden Kugelstoß-Sextett, das erst einmal die ganze Aufmerksamkeit des begeistert mitgehenden, nicht mit Applaus und Anfeuerung geizenden Publikums auf der ambulanten Anlage im Herzen des 200-m-Ovals für sich hatte. Ein Dramaturg hätte es nicht besser inszenieren können, den Wettkampf-Einstieg der sich ausnahmslos drehenden sechs gewaltigen Recken aus sechs Nationen. Sie boten im ersten Durchgang der Reihenfolge nach eine Art Steigerungslauf mit einer abschließenden Explosion: Patrick Müller (Neubrandenburg) 19,43, Tsanko Arnaudov (Portugal) 19,98, Ryan Whyting (USA) 20,22, Stipe Zunic (Kroatien) 20,43, Konrad Bukowiecki 20,59 und dann der Weltjahresbeste (21,61m) Tomas Stanek aus Tschechien, der nach einer extrem schnellen Drehung und wuchtigem, blitzartigen Ausstoß das 7,26 Kilo schwere Gerät bei 21,57m auf der blauen Gymnastikmatte zum Aufschlag brachte. Damit gehörte der sechs Jahre alte Meeting-Rekord von 21,31m  des US-Boys Christian Cantwell der Historie an.

Drittbeste Leistung eines Europäers unter dem Hallendach

Natürlich war der erste Rang schon sehr frühzeitig in Stein gemeißelt und vorne der Drops gelutscht. Nicht jedoch für den Tschechen selber. Der legte im zweiten Durchgang nach, schrammte die 22-m-Linie, verbesserte mit 21,98m seine Weltjahresbestleistung und seinen Landesrekord von bis dahin 21,61m. Doch er hatte noch mehr Dampf im Kessel, erzielte in Runde drei 22,17m. Das nennt man dann wohl einen Lauf oder „flow“, wie es im modernen, anglizistischen Sprachgebrauch zu heißen pflegt. Danach war allerdings auch bei dem auf Wolke sieben schwebenden 26-jährigen „Kugelblitz“ die Luft raus, die Spannung weg. Den vierten Durchgang ließ er aus, den verunglückten fünften Versuch machte er ungültig und auf den finalen sechsten verzichtete er ebenfalls. Vier rote Kästchen zieren bei ihm die Ergebnisliste: WL, MR, NR, PB. Das muss unseren Lesern vom Fach nicht übersetzt werden. Was da nicht stehen kann, liefern wir nach. Es war die drittbeste Leistung eines Europäers unter dem Hallendach nach Ulf Timmermann (damals DDR) und Werner Günthör (Schweiz). Und das ist satte 30 Jahre her.

Viele ungültige Versuche vom drehenden Rest des Feldes

Hinter dem Schocker aus der Landeshauptstadt Prag wurden viele Ungültige fabriziert. Gewollt und unbeabsichtigt. Noch am wenigsten beeindruckt blieb der zweitplatzierte Kroate Stipe Zunic, der im dritten Versuch seinen eigenen nationalen Rekord um zwei Zentimeter auf 21,13m verbesserte. Enttäuschend die Darbietung des zweifachen Hallen-Weltmeisters Ryan Whyting, der zwischen Einstoßen (über 21 Meter) und Vorstellung des „Sixpacks“ offenbar sein Bewegungsgefühl verloren hatte. Er produzierte viel Asche.
Das Patrick Müller über die Rolle des Pausenfüllers für die Stars nicht hinauskommen würde, war vorher klar. Gleichwohl waren die 19,43m nach seiner Verbesserung auf 20,14m am 20.Januar in heimischer Halle doch sehr ernüchternd. Ein Lehrstück für den 22-Jährigen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Wenn nicht wir, wer sonst widmet exklusiv dem Kugelstoßen eine solche Geschichte?! Die formidable Leistung von Stanek wird heute in manchen Tageszeitungen, so sie überhaupt von diesem Meeting berichten, nicht einmal genannt. Schimpf und Schande über meine ahnungslosen Kollegen. Musste einfach mal erwähnt werden. 
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