Eine ganz üble Provinzposse um Kugelstoßerin Melissa Boekelman

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Kolumne

Moment mal

(Sittard/Düsseldorf/Krefeld, 03. Februar 2017)
Regeln müssen sein, sind richtig und wichtig. Überall. Nicht zuletzt bei der angeblich herrlichsten Nebensache der Welt, dem Profi- und Amateur-Sport. Anderenfalls hätten wir Anarchie, könnten wie dereinst im Wilden Westen wieder das Faustrecht und der Duell-Revolver eingeführt werden. Allerdings wäre es ausgesprochen erstrebenswert – der Konjunktiv verrät es bereits, dass es nicht immer so ist –, dass die mannigfaltigen Regularien für die Aktiven, interessierten Beobachter und berufsmäßige Berichterstatter auch sinnvoll, mithin nachvollziehbar sind. Ein frommer Wunsch, wie das nachfolgende Beispiel lehrt.
Die niederländische Olympia-Teilnehmerin Melissa Boekelman (Bestleistung 18,17m; im Bild) aus Breda erfüllte am vergangenen Sonntag beim Internationalen Indoor Werpwedstrijd in Sittard/NL in einer Art Punktlandung mit 17,25m sehr zur eigenen sowie der Freude von Veranstalter und Unitas-Trainer Michel Leinders, ein bekannter und ehedem erfolgreicher Senioren-Werfer, auf Anhieb die Norm (17,20m) für die Hallen-Europameisterschaft vom 03. bis 05.März 2017 in Belgrad (Serbien). Dachten die 27-Jährige und alle fachkundigen Augenzeugen jedenfalls. Doch Pustekuchen! Die Atletiekunie, die Koniglijk Nederlandsche Atletiek-Union (KNAU), ließ die daraufhin völlig entgeisterte Athletin und ihr Umfeld mit Hinweis auf die IAAF-Regel Nr. xyz wissen, dass die Leistung nicht anerkannt werden könne, da sie in einem gemeinsamen Wettbewerb mit den Männern erzielt wurde. Daraus hätte sie einen Vorteil ziehen können. Wie bitte? Soll sie sich etwa dadurch angespornt gefühlt haben, dass ihr Landsmann Patrick Cronie 18,99m oder ihr Freund und Physiotherapeut Tom Corstjens 16,55m gestoßen haben? Hochgradig albern und abwegig!

„Hasen“ nur bei der Mittel- und Langstrecke geduldet

Und was ist mit den Tempomachern, im Fachjargon auch Hasen genannt, bei Mittel- und Langstreckenläufen, wie auch vorgestern erst in Düsseldorf  wieder zu sehen? Dann dürften alle in solchen Rennen erzielten Normen, jedwede Rekorde und persönliche Bestleistungen, selbst weit hinter der Musik vorne herlaufend, nicht anerkannt werden. Da kräht jedoch kein Hahn nach. Nirgendwo. Auch bei dem hohen, auf nicht deswegen auf übelste Weise ins Gerede gekommenen, vom einstigen Mittelstreckler Sebastion Coe geführten Leichtathletik-Weltverband  IAAF mit noblem Sitz in Monte Carlo im Fürstentum Monaco an der
Côte d’Azur niemand. Dazu ist es inzwischen bei „Internationalen“ zur Zusammenstellung von absoluten Klassefeldern mit maximal acht Teilnehmern/innen längst gepflegte Praxis, Männer und Frauen gerade beim Kugelstoßen gemeinsam antreten zu lassen. Nicht nur bei Marktplatz-Wettbewerben mit nur dieser einzigen Disziplin.

Dieter Massin der Schöpfer der „gemischten Raubtiergruppe“

Übrigens dazu noch ein Griff in die Nostalgie-Kiste. Das hat weit vor der Zeit schon der heutige EVAA-/EMA-Ehrenpräsident Dieter Massin (im Bild) damals als Chef-Organisator des Internationalen Abendsportfestes am 03.September 1976 im westfälischen Ahlen nach den Olympischen Spielen in Montreal beim schmutzigen Geschäft mit der Kugel (von wegen Dreck an Fingern und Hals) kreiert. Bei der „gemischten Raubtiergruppe“ unter anderem mit dabei waren Eva Wilms (20,42m), Beatrix Philipp (16,46m), Al Feuerbach (20,13m), Mac Wilkins (18,96m), Josef Forst (17,88m) und als kleines Licht der Autor dieser Zeilen mit 15,80m. Der fand‘s jedoch auf der Jagd nach der 17-Meter-Marke (bis da- und weiterhin 16,90m) nicht so prickelnd, mehr noch frustrierend, im ungleichen Wettstreit indirekt von Frauen mit einer 3,26 Kilo leichteren Kugel distanziert zu werden. Wobei es den anderen außer in der Relation nicht besser erging. Die gute Eva, spätere Bundestrainerin der Nachwuchs-Siebenkämpferin und mit dem ehemaligen Weitsprung-Bundestrainer Alfred Rapp verheiratet, erzielte die absolut beste Weite.  

Norm vom „Meisje“ drei Tage später nachgeliefert

Aber zurück zu Melissa, dem im Wonnemonat Mai geborenen sympathischen, hübschen „Meisje“ von 27 Lenzen, die das nicht alltägliche Kunststück fertigbrachte an Olympischen Winterspielen (2014 in Sotschi als Anschieberin im Zweierbob) und Sommerspielen (2016 in Rio im Kugelstoßen) teilzunehmen. Inzwischen kann sie strahlend lächelnd über das Ungemach von Verbandswillkür hinwegsehen. Denn sie hat beim Indoor-Meeting in Düsseldorf im zweiten Versuch 17,22m gestoßen. Was wir an exakt der Stelle schon anders gesehen haben, war diesmal die vermeintliche Krone der Schöpfung nicht im Mix dabei. Doppeltes Glück gehabt. Ungeachtet dessen bleibt es eine schmierige Provinzposse nach Art des Schildbürgerstreichs und vor allem abermals ein skandalöses Messen mit zweierlei Maß.
An und für sich eine Domäne des darauf gewissermaßen spezialisierten Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mit seinem Chef-, Vor- und Querdenker Frank O. „Napoleon“ Hamm aus Aachen.  Der ist als Blaupause für dieses und jenes quasi allgegenwärtig. Das musste einfach bei dieser Gelegenheit noch mal erwähnt werden, damit es nicht in Vergessenheit gerät.